Wenn Integration möglich wird: „Was ich durch die Erforschung des Lebens von Ukrainer:innen in der Schweiz verstanden habe“

Text: Svitlana Prokopchuk

Vera Mezzera, 19 Jahre alt, wurde in Bern geboren und verfügt über internationale Austauscherfahrung in Italien, wo sie ein Jahr lebte. Im letzten Jahr besucht sie das Gymnasium Kirchenfeld. Im Rahmen ihres Matura-Projekts wagte sich Vera erstmals an wissenschaftliche Forschung und wählte ein Thema, das sie persönlich sehr bewegte: wie sich Ukrainer:innen in der Schweiz integrieren und warum sich diese Erfahrung je nach Wohnort so stark unterscheidet.

Das Projekt trägt den Titel „Ankommen in der Schweiz: die Integration von Ukrainer:innen in städtischen und ländlichen Regionen“. Während ihrer Arbeit tauchte Vera tief in reale Lebensgeschichten ein und erkannte erstmals, wie komplex und vielschichtig der Integrationsprozess ist. Die Suche nach Teilnehmenden erfolgte in Zusammenarbeit mit der Assoziation USB, was es ermöglichte, vielfältige und aussagekräftige Daten zu sammeln.

Im Rahmen des Projekts sprach Vera mit Ukrainer:innen, die sowohl in Städten als auch in ländlichen Gemeinden der Schweiz leben. Sie kombinierte Fragebögen mit persönlichen Gesprächen, was es erlaubte, nicht nur allgemeine Tendenzen zu erkennen, sondern auch individuelle Erfahrungen und Gefühle wahrzunehmen.

Eine der ersten Erkenntnisse war, dass Menschen die Gründe für eine schwierige Integration je nach Lebenskontext unterschiedlich benennen. „Ukrainer:innen, die in Städten leben, sprachen am häufigsten über Schwierigkeiten bei der Arbeitssuche oder bei der Anerkennung ihrer Diplome. Jene, die in Dörfern leben, erwähnten dagegen häufiger Diskriminierung und das Gefühl sozialer Ausgrenzung. Für mich war das eine unerwartete und sehr wichtige Beobachtung“, erzählt Vera.

Drei Dinge, ohne die Integration nicht funktioniert

Während der Arbeit am Projekt verstand Vera zunehmend, dass Integration nicht auf einen einzelnen Faktor reduziert werden kann. In den Gesprächen tauchten immer wieder drei Themen auf: Sprache, soziale Kontakte und Arbeit.

Sprache erwies sich als wichtig – nicht nur als grammatikalisches Wissen, sondern vor allem als Möglichkeit, mit Einheimischen zu kommunizieren, den Dialekt zu hören und keine Angst zu haben zu sprechen. Soziale Kontakte bedeuten Bekanntschaften, Beteiligung am Gemeinschaftsleben und das Gefühl, gesehen und akzeptiert zu werden. Arbeit wiederum war oft nicht nur eine Einkommensquelle, sondern auch ein Weg aus der Isolation, eine Gelegenheit, die Sprache zu üben und neue Beziehungen aufzubauen. „Für mich war wichtig zu erkennen, dass diese Dinge eng miteinander verbunden sind. Ohne Sprache ist es schwer, Arbeit zu finden, ohne Arbeit ist es schwierig, Kontakte zu knüpfen, und ohne soziale Kontakte kommt Integration einfach zum Stillstand“, sagt Vera.

Warum soziale Integration oft alles entscheidet

Einer der stärksten Eindrücke des Projekts war die Rolle des sozialen Umfelds, insbesondere in kleinen Gemeinden. „In Dörfern sind die Gemeinschaften kleiner, und deshalb ist das Bedürfnis, akzeptiert und sozial anerkannt zu werden, dort viel stärker spürbar“, erklärt Vera.

Das zeigt eindrücklich die Geschichte von Vitalina (Name geändert), die in den Kanton Graubünden kam und zunächst im kleinen Dorf Schmitten lebte. Sie lernte schnell Einheimische kennen, nahm an Veranstaltungen der Gemeinde teil und organisierte sogar selbst kulturelle Aktivitäten. Ihre Kinder besuchten von Anfang an die reguläre Schule, lernten rasch Deutsch und den Dialekt, und die ältere Tochter erhielt später einen Ausbildungsplatz. „Ihre Geschichte hat mir gezeigt, dass Integration sehr erfolgreich sein kann, wenn eine Person schnell Kontakt zur Gemeinschaft findet“, fasst Vera zusammen. Dieses Beispiel half ihr, eine weitere wichtige Erkenntnis zu gewinnen: Selbst das Vorhandensein von Sprachkursen oder Arbeit garantiert keine Integration, wenn lebendige soziale Beziehungen fehlen.

Infrastruktur hilft – löst aber nicht alles

Das Gespräch mit Eduard (Name geändert) lenkte Veras Aufmerksamkeit auf einen weiteren Aspekt – Mobilität und Transport. „In Kyiv habe ich täglich eine Stunde gebraucht, um zur Arbeit zu kommen. In der Schweiz kann man in dieser Zeit von Bern nach Zürich oder Basel fahren“, erzählte er. Gleichzeitig betonte Eduard, dass die täglichen Kosten für den öffentlichen Verkehr eine ernsthafte Herausforderung darstellen können, insbesondere für Familien mit Kindern oder Menschen mit unregelmäßigen Arbeitszeiten. Diese Erfahrung zeigte, dass eine gute Infrastruktur Möglichkeiten schafft, aber für sich allein keine Integration sicherstellt.

Räume, in denen Begegnung entsteht

In vielen Gesprächen bemerkte Vera, wie wichtig Orte sind, an denen Menschen einfach zusammen sein und gemeinsam etwas tun können. „Das können Vereine, Zentren oder andere informelle Räume sein. Wenn Menschen gemeinsam Fahrräder reparieren oder Essen zubereiten, entsteht Kontakt ganz natürlich“, sagt sie. Dies half ihr zu verstehen, dass Integration nicht nur persönliche Motivation erfordert, sondern auch Bedingungen, die von der Gemeinschaft geschaffen werden.

Die wichtigste Erkenntnis: Integration ist eine gemeinsame Verantwortung

Die zentrale Schlussfolgerung des Matura-Projekts für Vera war das Verständnis von Integration als einem zweiseitigen Prozess. Sie entsteht nicht nur durch die Bemühungen der Neuankommenden, sondern ebenso durch die Offenheit und Unterstützung der aufnehmenden Gesellschaft. Integration ist kein einzelner Schritt und kein einzelnes Programm. Sie ist eine tägliche Interaktion, die Bereitschaft zum Kontakt und ein gemeinsames Leben in einer Gemeinschaft.

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