„Gemeinsam neu anfangen“: Wie „Ukrainerinnen in Bern“ zu einem digitalen Ankerpunkt für eine neue Integration wurden

Text: Svitlana Prokopchuk

Der Weg von Darija Sokolska in der Schweiz begann im März 2022. Aus Tschernihiw kommend stand sie bereits am 1. April vor dem Roten Kreuz in Bern. Drinnen herrschten Chaos, Warteschlangen, verunsicherte Menschen ohne Sprachkenntnisse. Darija sprach gut Deutsch und beschloss, beim Übersetzen zu helfen. Als sie ein Kompliment für ihr Deutsch hörte, fragte sie spontan: „Darf ich bei Ihnen arbeiten?“ Sie schickte ihren Lebenslauf – und blieb.

Zunächst arbeitete sie mit Geflüchteten, später wechselte sie in die Organisationsabteilung. Gerade als sie nicht mehr täglich im direkten Kontakt mit Neuankommenden stand, spürte sie, dass sie mehr geben konnte – nicht als Teil des Systems, sondern als Mensch mit eigener Erfahrung. „Ich stand bereits auf eigenen Beinen. Ich hatte wieder festen Boden unter den Füßen. Und ich wollte dieses Gefühl teilen“, sagt Darija.

„Ukrainerinnen in Bern“: Eine Gemeinschaft, die auf dreihundert Mitglieder wuchs

Die Idee der Gemeinschaft „Ukrainerinnen in Bern“ entstand nicht als strategisches Projekt, sondern aus einem inneren Bedürfnis heraus. Zuerst ging es einfach darum, Gleichgesinnte zu finden. Dann darum, andere zu unterstützen, Ratschläge zu geben, beim Verfassen von Lebensläufen zu helfen und bei der Jobsuche zu unterstützen.

Der kleine Kreis wuchs rasch: Freundinnen luden Freundinnen ein, Schwestern ihre Schwestern, Mütter ihre Töchter. Statt der erwarteten fünfzig Personen zählte die Gruppe bald dreihundert. Heute ist die WhatsApp-Community strukturiert, mit Untergruppen – für jene, die diskutieren möchten, und für jene, die vor allem praktische Informationen suchen.

Darija lernt zu moderieren, mit unterschiedlichen Charakteren umzugehen – und manchmal auch mit Hate-Kommentaren. Die Gruppe ist längst mehr als nur ein Chat: Sie ist zu einem Vertrauensraum geworden, zu einem Ort, an dem man Fragen stellen kann, ohne Angst zu haben, „unvorbereitet“ zu wirken, wo Erfahrungsaustausch hilft, die ersten Schritte im neuen Land zu gehen.

In Darijas Worten klingt oft das Wort „geben“ an. Doch zwischen den Zeilen spürt man auch das Bedürfnis, dazuzugehören, horizontale Netzwerke aufzubauen, einen Raum zu schaffen, in dem Einsamkeit nicht zur Normalität wird. Gerade die Online-Community wurde zu dem Umfeld, in dem dieses Bedürfnis Gestalt annahm.

Von der Online-Unterstützung zu strukturierten Initiativen

Mit dem Wachstum der Gemeinschaft entstand das Bedürfnis, über Integration tiefer und systematischer zu sprechen. So entstand die Zusammenarbeit der Gemeinschaft „Ukrainerinnen in Bern“ mit der Assoziation „USB“ – ein Beispiel dafür, wie eine horizontale Initiative und institutionelle Unterstützung einander stärken können.

Das erste gemeinsame Webinar „Neu anfangen: Arbeit, Selbstvertrauen und ein neues Leben“ brachte Ukrainerinnen aus verschiedenen Teilen des Kantons Bern zusammen. Das Gespräch über Arbeit und Anpassung wurde zu einem praktischen Instrument der Integration – mit Fokus auf Selbstvertrauen, Strategie und innere Stabilität.

Das Online-Format wurde bewusst gewählt: Unter den Teilnehmerinnen sind Frauen nicht nur aus der Stadt Bern, sondern auch aus entlegenen Ortschaften, für die eine Anreise zusätzliche Kosten bedeutet.

Im Webinar ging es um innere Barrieren, die nach einem Umzug den Fortschritt hemmen, um den Aufbau einer persönlichen Lebens- und Arbeitsstrategie im schweizerischen Kontext, um Besonderheiten des lokalen Arbeitsmarktes und die Erwartungen der Arbeitgeber. Auch die Sprachfrage wurde angesprochen – nicht als Frage der Fähigkeiten, sondern der emotionalen Sicherheit. Ebenso wurde die Rolle von Kommunikation, Hobbys und gesellschaftlichem Engagement im Integrationsprozess thematisiert.

Die zentrale Idee der Veranstaltung: Eine persönliche Strategie ist kein starrer Plan. Sie ist eine flexible Landkarte, die angepasst werden kann, ohne sich selbst zu verlieren.

Integration ist mehr als Sprache

Der Erfolg des Webinars wurde zum Impuls für den nächsten Schritt: Im März plant das Team drei Offline-Workshops – zu den Themen Arbeitsmarkt, kulturelle Codes und Verhalten am Arbeitsplatz. Zudem arbeitet Darija an einem Workshop zur Gründung eines eigenen Unternehmens in der Schweiz.

Denn Integration bedeutet mehr als Sprachkenntnisse. Es geht darum, zu wissen, wie man grüßt und sich verabschiedet, Blickkontakt hält, Distanz versteht, den Kontext wahrnimmt und unausgesprochene Regeln erkennt.

Alle Veranstaltungen finden gegen einen symbolischen Beitrag statt. Das erhöht die Verbindlichkeit der Teilnahme. Die Beiträge fließen in Organisationskosten, Honorare für Referentinnen und Referenten, Raummiete und Kaffee. Entscheidend ist, sich weiterzuentwickeln, ohne die Zugänglichkeit zu verlieren.

„Die Gruppe ist wie ein lebendiges Wesen. Sie wächst. Und ich schaue, wohin sie sich bewegen möchte. Auf dieser Grundlage werden wir zukünftige Veranstaltungen gestalten“, sagt Darija Sokolska.

Vielleicht liegt genau darin die Essenz der Geschichte von „Ukrainerinnen in Bern“: Eine Online-Community wurde nicht nur zu einem Kommunikationskanal, sondern zu einem Ankerpunkt. Zunächst für Darija. Und später für Hunderte von Frauen, die lernen, gemeinsam neu anzufangen.

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