Das Spiel als Lebensmodell: Wie spielerische Praktiken Ukrainer:innen bei der Integration in der Schweiz helfen

Text: Svitlana Prokopchuk

Die Menschheit spielt seit Beginn ihrer Geschichte. Doch unter den Bedingungen der Migration erhält das Spiel eine besondere Bedeutung. Es ist nicht mehr nur Unterhaltung – es wird zu einem sanften Weg der Integration in ein neues Umfeld.

Das Spiel schafft ein geschütztes Modell realer Lebenssituationen: Bewerbungsgespräche, Wohnungssuche, erste Begegnungen, öffentliche Auftritte, der Aufbau von Partnerschaften. In diesem sicheren Raum kann ein Mensch schwierige Erfahrungen durchleben – ohne Angst vor Verurteilung, unterschiedliche Verhaltensstrategien ausprobieren und lernen, ruhiger und selbstbewusster zu reagieren.

Gerade durch Wiederholung und die Unterstützung der Gruppe entsteht psychische Stabilität – die lähmende Angst vor Fehlern verschwindet, eine innere Sicherheit wächst. So wie ein Architekt vor dem Bau ein Modell entwirft, hilft das Spiel, eine neue Realität „anzuprobieren“, bevor man tatsächlich in ihr handelt. Wenn sich ein Mensch erlaubt, im geschützten Raum Fehler zu machen, beginnt Anpassung – nicht durch Anspannung, sondern durch Vertrauen in sich selbst.

„Das Spiel ist die Erschaffung eines Lebensmodells“, erklärt Svitlana Manzer, Leiterin von Integrationsprojekten der Assoziation „USB“. „In einem geschützten Raum kann eine Person eine Situation erleben, die sie im realen Leben vermeidet – und sich selbst von außen sehen.“
Svitlana hat Hunderte von Spielen durchgeführt, durch die mehr als tausend Menschen ihren eigenen Schlüssel zum Erfolg gefunden haben.

Die Angst vor Fehlern – unser unsichtbares Gepäck

Ukrainer:innen kommen nicht nur mit Koffern in die Schweiz. Sie bringen auch ihr Erziehungssystem, ihre Erfahrungen und ihre Ängste mit. „Unsere Angst vor Fehlern sitzt sehr tief“, sagt Svitlana Manzer. „Wir sind in einem System aufgewachsen, in dem Fehler bestraft wurden. In der Schweizer Kultur ist ein Fehler Teil des Prozesses. Aber um sich Fehler zu erlauben, muss man innerlich entspannen können.“ Genau das wird oft zur unsichtbaren Barriere – beim Bewerbungsgespräch, bei der Wohnungssuche oder im ersten Gespräch auf Deutsch. Die Person ist angespannt, und diese Anspannung wird als Unsicherheit oder Inkompetenz wahrgenommen.

Ein kleiner Lebenszyklus

Jedes Spiel ist ein Mini-Modell des Lebens: Start, Regeln, Strategie, Ergebnis. Es gibt Raum für Risiko, für Fehler – und für Erfolg. „Am wertvollsten ist das Erfolgserlebnis“, sagt Svitlana Manzer. „Wenn jemand ein Spiel beendet und spürt: ‚Ich habe es geschafft.‘ Auch wenn es nur ein kleiner Schritt war.“ In Schweizer Schulen werden Kinder ständig an dieses Gefühl herangeführt: Man tut etwas – und sieht das Ergebnis. Vielen erwachsenen Migrant:innen fehlt diese Erfahrung. Sie leben in einer langfristigen Unsicherheit, ohne schnelles positives Feedback. Das Spiel gibt ihnen diese Erfahrung zurück.

Integration ist mehr als Sprache

Sprache ist wichtig. Aber Integration ist ein tieferer Prozess. „Es ist eine Denkweise“, erklärt Svitlana Manzer. „In der Schweiz ist Motivation entscheidend. Wenn ein Arbeitgeber nicht spürt, dass Sie sich gerade für diese Arbeit interessieren, sind die Chancen gering. Und das wird sehr subtil wahrgenommen.“ Im Spiel lernen Menschen, über sich selbst zu sprechen. Blickkontakt zu halten, Pausen auszuhalten, sich ruhig und selbstbewusst zu präsentieren. „Wir arbeiten sogar an Dingen wie Blickkontakt“, sagt sie lächelnd. „Für viele ist das schwieriger als Grammatik.“

Der Spiegel im Kreis

Gruppenspiele haben eine weitere Besonderheit – den Spiegeleffekt. „Manchmal sieht eine Frau das autoritäre Verhalten einer anderen Teilnehmerin – und erkennt plötzlich sich selbst wieder. Das ist ein sehr starker Moment“, erzählt Svitlana. „Keine Vorlesung hat eine solche Wirkung wie lebendiges Spiegeln.“ Durch das Spiel beginnt der Mensch, eigene Gewohnheiten, automatische Reaktionen und Stereotype wahrzunehmen – all das, was neue Beziehungen erschwert, in der Familie, im Team oder in der Gesellschaft.

Mehr als tausend Geschichten

Spielmethoden nutzt Svitlana Manzer bereits seit den 1990er-Jahren: zunächst als Lehrerin, später als Schulleiterin und schließlich als Facilitatorin von Integrationsprogrammen. „Ich habe längst aufgehört zu zählen“, sagt sie. „Aber es sind sicher mehr als tausend Menschen. Und jedes Mal sehe ich, wie sich Haltung, Blick oder Stimme der Teilnehmenden verändern.“ In ihrer Arbeit verwendet Svitlana Manzer eine breite Palette von Spielen – von tiefenpsychologischen bis hin zu praxisorientierten Business- und Kommunikationsformaten.

Zu den transformativen Spielen zählt sie unter anderem „Lila Chakra“, ein Selbsterkenntnisspiel, das über einen symbolischen Weg innere Blockaden und Ressourcen sichtbar macht; „Mein Raum – meine Ressourcen“, zur Stärkung persönlicher Grenzen und Energiequellen; „Genesis“, zur Bewusstwerdung des eigenen Lebensskripts und von Entwicklungspunkten; „Kristall der Balance“ (nach der Methode der Positiven Psychotherapie), ein Instrument zur Harmonisierung verschiedener Lebensbereiche; „Welt der Emotionen“, zur Erweiterung emotionaler Kompetenz; sowie das therapeutische Spiel „Satori“, das auf innere Vergebung und das Loslassen der Vergangenheit ausgerichtet ist.

Im Business-Bereich arbeitet sie mit „Mein Projekt“, das hilft, Ideen zu strukturieren – von Unternehmertum über Karriereplanung bis hin zu strategischer Familienplanung – sowie mit „Funds Hunter“, einem Spiel über Förderlogik, Planung, Partnerschaften und den Abbau von Stereotypen rund um Projektfinanzierung.

Ein eigener Block widmet sich der Kommunikationsentwicklung: „Komplimente“ – zur Überwindung der Angst vor Fehlern und zur Förderung von Offenheit; „Networker“ – zur Entwicklung von Networking-Kompetenzen; „Media Start“ – für selbstbewusste Selbstpräsentation und den Umgang mit Öffentlichkeit; sowie „Zeit für mich“ – zur Reflexion persönlicher Ressourcen und Balance. Gemeinsam bilden diese Instrumente ein System, in dem das Spiel nicht Unterhaltung ist, sondern ein Werkzeug strategischen Denkens, der Selbstreflexion und der Integration in ein neues Umfeld.

Wenn das Spiel zur Strategie wird

Für Ukrainer:innen in der Schweiz ist das Spiel keine Freizeitbeschäftigung – es ist eine strategische Entscheidung. Bleiben oder zurückkehren? Einen neuen Beruf suchen oder den bisherigen weiterentwickeln? Ein eigenes Projekt gründen oder sich in bestehende Strukturen integrieren? „Das Spiel hilft, zu formulieren, was ich wirklich will“, fasst Svitlana Manzer zusammen. „Denn wenn innere Klarheit entsteht, entsteht auch das Wichtigste – der Glaube an sich selbst. Integration beginnt nicht mit Dokumenten. Sie beginnt mit der inneren Erlaubnis: Ich kann.“

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