«Ich sehe, was du nicht siehst»: Bern gegen Rassismus

Text: Svitlana Prokopchuk

Die Stadt Bern organisiert bereits im 16. Jahr die Aktionswoche gegen Rassismus. In diesem Jahr liegt der Fokus auf der Freizeit – einem Bereich, in dem Diskriminierung oft unbemerkt bleibt, aber deshalb nicht weniger schmerzhaft ist.  Vithyaah Subramaniam ist stellvertretende Leiterin der Fachstelle für Migrations- und Rassismusfragen und Co-Projektleiterin der Aktionswoche. Im Interview erzählt sie, wie die Stadt Bern mit dem Problem von Rassismus und Diskriminierung umgeht und was hinter dem Slogan der Kampagne steckt.

Ziele der Aktionswoche

Svitlana Prokopchuk: Was sind die Ziele der Aktionswoche und warum wurde das Thema Freizeit gewählt?

Vithyaah Subramaniam: Rassismus oder Diskriminierung in der Freizeit – klingt absurd, oder? Doch auch im Bereich der Freizeit, den wir vor allem mit Erholung und Entspannung verbinden, ist dieses Phänomen sehr stark verbreitet. Rassismus oder Diskriminierung sind strukturelle, gesamtgesellschaftliche Probleme, und es wäre ehrlich gesagt seltsam, wenn sie ausgerechnet in diesem Bereich plötzlich nicht auftreten würden.

Das kann auf struktureller Ebene passieren. Zum Beispiel: Wer hat überhaupt die Möglichkeit, Freizeit zu haben? Menschen, die viel arbeiten, oder alleinerziehende Mütter, die überproportional stark von Armut betroffen sind? Für sie ist es deutlich schwieriger, Zeit für Freizeit zu finden oder die finanziellen Mittel zu haben, um das zu tun, was sie möchten. Das ist also eine Frage sozialer Ungleichheit.

Es gibt aber auch eine institutionelle Ebene, auf der es um Ausschlussmechanismen geht. Zum Beispiel das Theater. Wer besucht das Theater, insbesondere ein grosses, sagen wir, eher teures Stadttheater? Auch hier stellt sich die Frage: Wer hat Zugang, wer wird im Programm mitgedacht, was sind die Eintrittspreise, wer fühlt sich dort wohl.

Und es gibt auch die persönliche, individuelle Ebene – den sogenannten Alltagsrassismus, im zwischenmenschlichen Kontakt: im öffentlichen Verkehr oder in der Freizeit, wenn Menschen miteinander interagieren. Wenn eine Person, die in der Schweiz geboren und aufgewachsen ist, auf „Hochdeutsch“ gefragt wird: „Woher kommst du?“ – kann das ebenfalls Rassismus sein.

Es kann also sehr unterschiedliche Formen von Diskriminierung oder Rassismus geben, und sie sind im Bereich der Freizeit auch sehr gut sichtbar. Das Ziel der Aktionswoche ist es daher, die Probleme des Rassismus zu benennen und eine Plattform für Betroffene sowie für Organisationen zu bieten, die in diesem Bereich arbeiten.

Yoga als sicherer Raum

Svitlana Prokopchuk: Warum ist Yoga im Programm enthalten?

Vithyaah Subramaniam: Wir machen jedes Jahr einen offenen Aufruf zur Teilnahme für Einzelpersonen, Fachpersonen und Organisationen. Dadurch erhalten wir viele Bewerbungen und treffen anschliessend eine Auswahl. Yoga – wie auch andere Programmpunkte – war also eine Idee von aussen. Yoga ist jedoch ein sehr interessantes Beispiel. Denn selbst dabei entstehen viele Diskussionen über kulturelle Aneignung: Woher stammt Yoga, wer praktiziert es, wer verdient daran, und wie hängt es mit Kapitalismus sowie der Industrie für Kleidung und Accessoires zusammen. Und was ist Yoga überhaupt, da es nicht in der Schweiz entstanden ist, aber hier weit verbreitet praktiziert wird.

Insgesamt haben wir sehr unterschiedliche Formate: Schach, Theater, Videos, Workshops, Diskussionen, Führungen, die Feier von Nowruz und vieles mehr. Es ist ein sehr vielfältiges Programm, das die Vielfalt der Bedürfnisse und Gemeinschaften widerspiegelt. Denn Menschen mit Rassismuserfahrungen sind sehr unterschiedlich: mit Fluchterfahrung oder ohne, hier geboren oder Migrantinnen und Migranten und so weiter.

Unterstützung vulnerabler Gruppen

Svitlana Prokopchuk: Im Programm gibt es auch Veranstaltungen für geflüchtete Frauen. Halten Sie diese Bevölkerungsgruppe für besonders sensibel oder vulnerabel?

Vithyaah Subramaniam: Ja, das ist eine der verletzlichsten Gruppen. Frauen mit Fluchterfahrung sehen sich häufig mit Diskriminierung, Stereotypen und Einschränkungen konfrontiert. Deshalb schaffen wir Räume für ihre Teilnahme an Veranstaltungen, für Austausch und Entwicklung. Aber auch das war nur möglich, weil es entsprechende Eingaben von Organisationen gab.

Kampagne «Ich sehe, was du nicht siehst»

Svitlana Prokopchuk:   Was bedeutet der Slogan und wie funktioniert er auf den Plakaten?

Vithyaah Subramaniam: Es ist eine Anspielung auf das Kinderspiel: etwas Verstecktes zu finden. Letztlich ist auch Rassismus oft nicht offensichtlich und auf den ersten Blick nicht erkennbar. Das Plakat mit dem Wimmelbild zeigt Szenen, in denen Formen von Diskriminierung nicht immer sofort auffallen. Das regt dazu an, innezuhalten und nachzudenken.

Was für die eine Person als Rassismus empfunden wird, kann für eine andere unbemerkt bleiben. Unsere Idee war es daher, den Menschen die Möglichkeit zu geben, genauer hinzusehen und sich zu vertiefen. Menschen, die selbst keinen Rassismus erlebt haben, fällt es oft schwer, überhaupt zu verstehen, worin das Problem besteht. Um es zu verstehen, braucht es Zeit, Bereitschaft und Motivation – oft auch einen Anstoss zum Nachdenken. Und vielleicht ist das auch eines der Ziele. Die Gesellschaft wird immer vielfältiger und komplexer. Es gibt keine einzelne Lösung – es gibt viele.

 

Foto: Svitlana Prokopchuk

Die Rolle der Stadt Bern

Svitlana Prokopchuk:  Alles, worüber wir sprechen, betrifft eine Woche mit aktiven Veranstaltungen und Events. Gleichzeitig finden Diskriminierung, Rassismus und Beleidigungen aufgrund der Nationalität in der Schweiz täglich statt. Die allgemeine Statistik für die Schweiz ist erschreckend: Im Jahr 2024 wurden hier 1.211 solcher Fälle registriert. Diese Zahl ist im Vergleich zu 2023 gestiegen. Wenn man 1.211 Fälle auf 365 Tage verteilt, sind das etwa 3–4 registrierte Fälle pro Tag. Natürlich ist diese Zahl in Bern proportional. Wie bekämpft die Stadt Rassismus im Alltag?

Vithyaah Subramaniam: Wir können das Privatleben der Menschen nicht kontrollieren, aber wir können dort handeln, wo wir Zuständigkeiten haben: in Schulen, in der Verwaltung, in öffentlichen Einrichtungen. Wir schulen, sensibilisieren für Diskriminierung und schaffen Unterstützungsmechanismen.

Es gibt eine Meldestelle für Rassismus, die Beschwerden entgegennimmt und Betroffene berät. Viel Arbeit geschieht innerhalb der Verwaltung – sie ist nach aussen nicht sichtbar, aber von entscheidender Bedeutung für den Schutz der Vielfalt und die Verhinderung von Diskriminierung. Der Kampf gegen Rassismus besteht nicht nur aus grossen Kampagnen, sondern auch aus der täglichen Aufmerksamkeit gegenüber kleinen Erscheinungsformen. Die Schaffung sicherer Räume und einer Plattform für jene, deren Stimmen oft ungehört bleiben, macht das Leben in einer vielfältigen Gesellschaft sicherer und interessanter.

Programm der Veranstaltungen hier: https://www.bern.ch/themen/auslanderinnen-und-auslander/integration-und-migration/diskriminierung-und-rassismus/bern-gegen-rassismus/programm

Hauptfoto: Carmela Odoni

 

Teilen

Vorherige

Weiter

Nachrichten

Kunst als Raum der Integration: Wie die Galerie Sechs in Basel das Thema Migration aufgreift...

Text: Svitlana Prokopchuk In Basel wird zeitgenössische Kunst zunehmend nicht nur zu einer ästhetischen Erfahrung, sondern auch zu einem...

«Ich sehe, was du nicht siehst»: Bern gegen Rassismus...

Text: Svitlana Prokopchuk Die Stadt Bern organisiert bereits im 16. Jahr die Aktionswoche gegen Rassismus. In diesem Jahr liegt...

Eine Stadt im Dialog: Wie Basels Aktionswoche gegen Rassismus Bewusstsein in Handlung verwandelte...

Basel, März 2026. Für eine Woche verwandelte sich die Stadt Basel in ein lebendiges Forum. Klassenzimmer, Theater, öffentliche Plätze...

Leiste einen Beitrag / Unterstütze
unsere Aktivitäten