Kunst als Raum der Integration: Wie die Galerie Sechs in Basel das Thema Migration aufgreift

Text: Svitlana Prokopchuk

In Basel wird zeitgenössische Kunst zunehmend nicht nur zu einer ästhetischen Erfahrung, sondern auch zu einem Instrument des sozialen Dialogs. Genau diese Rolle hat sich die Galerie Sechs selbst zugeschrieben — eine kleine, aber konzeptionell ausdrucksstarke Galerie, die mit jungen Künstlerinnen und Künstlern sowie neuen kulturellen Kontexten arbeitet. Obwohl das Thema Migration nicht als eigenständiges Programm hervorgehoben wird, ist es organisch in der Philosophie des Raumes präsent. Die Galerie arbeitet mit Künstlerinnen und Künstlern zusammen, die in verschiedenen Ländern gelebt haben, und diese Erfahrungen bilden oft die Grundlage ihrer Werke. Im Mittelpunkt stehen Fragen von Identität, Erinnerung, Zugehörigkeit und kultureller Interaktion.

Eine besondere Rolle in der Arbeit der Galerie Sechs spielt die Förderung junger Künstlerinnen und Künstler. Für Kunstschaffende mit Migrationserfahrung ist dies oft der erste Schritt zur Integration in den europäischen Kunstkontext. Die Galerie stellt nicht nur Ausstellungsräume zur Verfügung, sondern hilft auch beim Aufbau professioneller Netzwerke, beim Erreichen eines Publikums und bei der Entwicklung von Karrieren. Dieser Ansatz verändert das Verständnis von Integration selbst. Sie wird nicht als einseitiger Anpassungsprozess verstanden, sondern als gegenseitiger Austausch — von Ideen, Erfahrungen und Kultur. In diesem Kontext wird Kunst zu einer Sprache, die verbindet.

„On Language and Belonging“ ist ein interdisziplinäres Projekt, das Sprache als gelebte, emotionale und identitätsstiftende Erfahrung erforscht, insbesondere im Kontext von Migration. Durch Fotografie, Film und Klang wird untersucht, wie Sprache Erinnerung trägt, Zugehörigkeit formt und sich über Kulturen hinweg verändert. Die Zusammenarbeit zwischen der Galerie Sechs und USB, einer NGO zur Unterstützung von Migrantinnen und Migranten sowie kulturellem Austausch, schafft eine bedeutungsvolle Brücke zwischen künstlerischer Praxis und gelebten sozialen Realitäten: Die Galerie erweitert ihre Rolle als sozial engagierte Plattform, während USB einen kulturellen Raum gewinnt, um Stimmen und Erfahrungen sichtbar zu machen. Für Migrantinnen und Migranten bietet das Projekt Sichtbarkeit, alternative Ausdrucksformen jenseits von Worten sowie ein Gefühl von Teilhabe und Zugehörigkeit, wodurch sie ihre Identitäten durch Kunst neu aneignen und formulieren können.

In einem Interview erklärte die Gründerin der Galerie Sechs, Huan Cao, wie es ihr gelungen ist, einen Raum zu schaffen, in dem sich zeitgenössische Kunst in einer warmen, menschenzentrierten Atmosphäre entwickeln kann — fern von einer distanzierten, kommerziellen Umgebung. Auch Huan hat einen Migrationshintergrund; sie zog 2018 von China in die Schweiz.

Wie entstand die Idee zur Galerie Sechs, und welche Rolle spielt die Galerie Ihrer Meinung nach im kulturellen Leben Basels?

Bevor ich die Galerie eröffnete, war meine berufliche Tätigkeit mit Finanzen, Fotografie und dem Kulturbereich verbunden. Mit der Zeit wurde mir klar, dass ich mich nicht nur für das Schaffen von Bildern interessiere, sondern auch dafür, einen Raum zu gestalten, in dem sich Künstlerinnen und Künstler, Sammlerinnen und Sammler sowie die breite Öffentlichkeit auf sinnvolle Weise um Kunst begegnen können. So entstand die Idee zur Galerie ganz natürlich. Als ich in Basel lebte, hatte ich das Gefühl, dass es Bedarf an einer Galerie in einem intimeren Format gibt. Sie könnte zu einem „Wohnzimmer“ für Kunst werden, in dem Menschen Zeit verbringen, kommunizieren und Kunstwerke nach und nach entdecken. Basel verfügt über ein äußerst entwickeltes Kunstökosystem, ist aber auch sehr international und mitunter recht schnelllebig. Die Galerie Sechs versucht, einen anderen Rhythmus anzubieten: durchdachte Ausstellungen, enge Zusammenarbeit mit Künstlerinnen und Künstlern und Möglichkeiten zum Dialog. Ich hoffe, dass die Galerie dem kulturellen Leben Basels eine kleine, aber bedeutende Ebene hinzufgt — als offener Raum, in dem neue Namen entdeckt werden können und Gespräche über Kunst zugänglich sind.

Sie arbeiten mit vielen jungen Künstlerinnen und Künstlern. Was ist Ihr wichtigstes Kriterium für eine Zusammenarbeit?

Das wichtigste Kriterium ist immer die Authentizität der künstlerischen Stimme. Mich interessieren Künstlerinnen und Künstler, die wirklich etwas erforschen — emotional, konzeptionell oder materiell — und eine eigene, unverwechselbare Stimme haben. Technische Fähigkeiten sind wichtig, aber noch entscheidender ist, ob die Arbeit eine innere Notwendigkeit vermittelt. Außerdem achte ich auf Offenheit für Dialog, da die Beziehung zwischen Künstler und Galerie eine langfristige Zusammenarbeit ist und nicht nur eine einzelne Ausstellung.

Was sind die größten Herausforderungen für junge Künstlerinnen und Künstler beim Einstieg in die europäische Kunstszene?

Eine der größten Herausforderungen ist Sichtbarkeit. Die europäische Kunstszene ist sehr aktiv und lebendig, aber auch äußerst wettbewerbsintensiv. Junge Künstlerinnen und Künstler haben oft Schwierigkeiten, Plattformen zu finden, auf denen ihre Arbeiten in einem sinnvollen Kontext gezeigt werden. Eine weitere Herausforderung ist die Nachhaltigkeit: Viele müssen ihre künstlerische Arbeit mit einem anderen Beruf vereinbaren. Schließlich kann die Kunstwelt selbst komplex sein. Ohne Unterstützung kann es sehr schwierig erscheinen, sich in Netzwerken, Institutionen und Märkten zurechtzufinden.

Unterstützt die Galerie Künstlerinnen und Künstler nicht nur während Ausstellungen, sondern auch bei der Entwicklung ihrer Karriere?

Unsere Rolle geht weit über die Organisation von Ausstellungen hinaus. Wir arbeiten eng mit den Künstlerinnen und Künstlern an der Positionierung ihrer Werke, am Aufbau von Beziehungen zu Sammlerinnen und Sammlern und an der Entwicklung von Möglichkeiten. Dazu gehören beispielsweise die Teilnahme an Messen, Publikationen oder sektorübergreifende Kooperationen. Manchmal geht es darum, eine Erzählung rund um ihre Praxis zu entwickeln; ein anderes Mal um sehr praktische Dinge wie Auflagen, Preisstrategien oder die Vermittlung von Kontakten zu Kuratorinnen und Institutionen. Unser Ziel ist es, ein Umfeld zu schaffen, in dem sich Künstlerinnen und Künstler auf ihre Kreativität konzentrieren können, in dem Wissen, dass jemand sie unterstützt und ihre beruflichen Aktivitäten strukturiert.

Die zeitgenössische Kunstszene wird zunehmend „international“. Beobachten Sie, dass viele junge Künstlerinnen und Künstler Migrationserfahrungen oder multikulturelle Hintergründe haben?

Ja, absolut. Viele der Künstlerinnen und Künstler, mit denen wir arbeiten, haben in verschiedenen Ländern gelebt oder haben multikulturelle Hintergründe. Basel ist schließlich eine sehr internationale Stadt, und das spiegelt sich auch im künstlerischen Umfeld wider. Das ist völlig natürlich. Ich glaube, dass eine solche Vielfalt den Dialog in der Galerie bereichert und die künstlerischen Perspektiven erweitert.

Beeinflusst die Erfahrung des Lebens zwischen verschiedenen Kulturen die künstlerische Sprache und die Themen, mit denen sich Künstlerinnen und Künstler beschäftigen?

Auf jeden Fall. Künstlerinnen und Künstler mit Erfahrungen in unterschiedlichen kulturellen Umfeldern haben oft eine ausgeprägte Sensibilität für Themen wie Identität, Erinnerung und Zugehörigkeit. Ihre Arbeiten können Übersetzungsprozesse zwischen Kulturen, hybride Identitäten oder die Verbindung zwischen persönlicher Geschichte und kollektiven Narrativen erforschen. Diese Perspektiven verleihen der zeitgenössischen Kunst Tiefe und finden im globalen Kontext große Resonanz.

Betrachten Sie Ihre Galerie als einen Raum für kulturellen Dialog zwischen verschiedenen Gemeinschaften?

Ja, das ist ein wichtiger Teil unserer Vision. Neben Ausstellungen organisieren wir kleinere Treffen, Artist Talks und Salonabende, bei denen Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen zusammenkommen und Ideen austauschen können. Kunst hat die einzigartige Fähigkeit, Gespräche anzustoßen, die sonst vielleicht nicht stattfinden würden. In diesem Sinne kann die Galerie als Brücke zwischen Gemeinschaften und unterschiedlichen Perspektiven fungieren.

Wie beeinflussen Ihrer Meinung nach das internationale Umfeld Basels und Veranstaltungen wie die Art Basel die Möglichkeiten für junge Künstlerinnen und Künstler?

Basel ist ein außergewöhnlicher Ort für Kunst. Veranstaltungen wie die Art Basel bringen jedes Jahr ein internationales Publikum aus Sammlerinnen, Kuratorinnen und Institutionen in die Stadt. Selbst für kleine Galerien und junge Künstlerinnen und Künstler schafft das Sichtbarkeit und Verbindungen, die sonst Jahre dauern würden. Gleichzeitig erhöht es das Niveau von Ambition und Professionalität in der lokalen Kunstszene. Für junge Künstlerinnen und Künstler kann dieses Umfeld sehr inspirierend und motivierend sein.

Können Sie sich an eine Geschichte erinnern, in der sich die Karriere einer Künstlerin oder eines Künstlers nach der Zusammenarbeit mit Ihrer Galerie deutlich verändert hat?

Ja, es gibt eine Geschichte, die mir besonders in Erinnerung geblieben ist. Es geht um einen Fotografen, der fast aufgehört hatte, neue Arbeiten zu schaffen. Als er an einer unserer Gruppenausstellungen teilnahm, zeigte er zunächst ältere Werke. Während der Ausstellung nahm er jedoch aktiv am Galerieleben teil: Er trat in Kontakt mit Besucherinnen und Besuchern, nahm an einem Artist Talk teil und tauschte sich mit Sammlerinnen und anderen Künstlern aus. Besonders wichtig war, dass er während der Ausstellung mehrere Werke verkaufte. Die Unterstützung des Publikums und der Dialog über seine Arbeit gaben ihm neues Selbstvertrauen, und er entschied sich, mit neuer Energie zur künstlerischen Praxis zurückzukehren. Für mich sind solche Momente eine Erinnerung daran, dass eine Galerie nicht nur von Verkäufen oder Ausstellungen lebt. Sie ist auch ein Ort, an dem Künstlerinnen und Künstler Motivation wiederfinden und ihren kreativen Weg fortsetzen können.

Teilen

Vorherige

Weiter

Nachrichten

Kunst als Raum der Integration: Wie die Galerie Sechs in Basel das Thema Migration aufgreift...

Text: Svitlana Prokopchuk In Basel wird zeitgenössische Kunst zunehmend nicht nur zu einer ästhetischen Erfahrung, sondern auch zu einem...

«Ich sehe, was du nicht siehst»: Bern gegen Rassismus...

Text: Svitlana Prokopchuk Die Stadt Bern organisiert bereits im 16. Jahr die Aktionswoche gegen Rassismus. In diesem Jahr liegt...

Eine Stadt im Dialog: Wie Basels Aktionswoche gegen Rassismus Bewusstsein in Handlung verwandelte...

Basel, März 2026. Für eine Woche verwandelte sich die Stadt Basel in ein lebendiges Forum. Klassenzimmer, Theater, öffentliche Plätze...

Leiste einen Beitrag / Unterstütze
unsere Aktivitäten