Von Likes zum Gefühl von Zuhause: Wie Integration junger Menschen in einem einzigen Reel geschieht

Früher verband man Integration mit langen Broschüren, noch längeren Informationsveranstaltungen und mindestens einer PowerPoint-Präsentation, an die sich später niemand mehr erinnerte. Und heute? Integration kommt mit Musik, Untertiteln, schnellem Schnitt – und manchmal mit einem missglückten Meme. Willkommen im Zeitalter, in dem Integration gescrollt, geliked und mitunter viral wird.

Junge Menschen, insbesondere jene mit Migrationserfahrung, fragen zunächst nicht, an welches Amt sie sich wenden sollen. Sie fragen: Wo treffen sich hier Leute? Wie finde ich Freundschaften? Was ist hier wirklich interessant? Und vor allem – wer sieht aus wie ich und hat sich in dieser Stadt schon zurechtgefunden?

Soziale Medien sind still und leise zum effektivsten Integrationswegweiser geworden – ganz ohne offizielles Logo in der Ecke.

Soziale Medien als neuer öffentlicher Platz

Instagram, TikTok und YouTube sind Räume, in denen junge Menschen längst leben. Sie sind visuell, informell, mehrsprachig und – was am wichtigsten ist – menschlich. Statt abstrakter Informationen zeigen sie gelebte Erfahrungen: Jemand präsentiert einen Park, einen Sportverein, einen Kulturraum oder einfach eine selbstbewusste Art, in einer neuen Stadt zu leben.

Das macht einen Unterschied. Wenn junge Menschen sehen, wie Gleichaltrige ihren Alltag meistern, verschwinden Barrieren schneller als nach jeder Broschüre. Integration wird plötzlich real, greifbar und vielleicht sogar unterhaltsam. Und wenn Inhalte gemeinsam mit Jugendlichen und nicht nur für sie entstehen, hört Partizipation auf, ein Schlagwort zu sein – und wird zur gelebten Praxis.

Wie Switlana Prokoptschuk, Koordinatorin von USB Media, betont:
„Wenn junge Menschen jemanden sehen, der ihnen ähnelt und sich selbstbewusst durch die Stadt bewegt, verändert sich etwas. Integration wird nicht mehr als Pflicht wahrgenommen, sondern als Möglichkeit. Soziale Medien ersetzen Integrationsarbeit nicht – sie machen sie menschlicher.“

Humor, Authentizität und die Kraft des „Echten“

Junge Menschen wollen keine perfekten Kampagnen. Sie wollen echte Stimmen, echte Akzente und echte Geschichten. Humor spielt dabei eine Schlüsselrolle – er baut Spannungen ab, nimmt die Angst, etwas „falsch“ zu machen, und schafft sofort Verbindung. Ein lustiges Video darüber, wie sich jemand in der Straßenbahn verirrt, kann mehr Zugehörigkeitsgefühl vermitteln als eine offizielle Begrüßungsrede.

Kurze Videos ermöglichen es, in wenigen Sekunden komplexe Themen anzusprechen: Zugehörigkeit, Diskriminierung, Teilhabe oder Orientierung im Alltag. Sie lassen sich leicht teilen, erneut ansehen und verstehen – unabhängig von Herkunft oder Hintergrund. „Manchmal können 45 Sekunden Video mehr Türen öffnen als 45 Seiten Text. Es geht nicht darum, Integration zu vereinfachen, sondern sie zugänglich zu machen“, ergänzt Prokoptschuk.

Integration, die sich nicht wie Integration anfühlt

Erfolgreiche Integrationsprojekte verkünden sich nicht laut. Sie stärken leise, verbinden Menschen und normalisieren Vielfalt im Alltag. Wenn junge Menschen sich nicht als „Fälle“, sondern als Gestalter*innen sehen, wachsen Selbstvertrauen, Selbstwirksamkeit und Sichtbarkeit.

Ein solcher Ansatz entspricht modernen Integrationsstrategien, die auf niederschwelligen Zugang, Partizipation, Antidiskriminierung und nachhaltige Informationsverbreitung setzen – insbesondere über Migrationsmedien und soziale Plattformen. Er spiegelt zudem das wachsende Verständnis wider, dass Integration kein einseitiger Prozess ist, sondern eine gemeinsame gesellschaftliche Erfahrung. Manchmal – vertikal gefilmt.

Demnächst: Reel Integration

Wenn Integration einen Trailer hätte, wäre es ein kurzes Reel. Dynamisch. Ehrlich. Ein wenig chaotisch. Und überraschend wirkungsvoll. Sagen wir es so: Am Horizont zeichnet sich eine Idee ab, die junge Migrant*innen, lokale Creator, alltägliche Stadträume und jene kleinen „Aha“-Momente verbindet, die eine neue Stadt zu einer eigenen machen. Eine Idee, bei der Integration nicht belehrt, sondern einlädt. Bei der Information inspiriert. Bei der Zugehörigkeit ihren eigenen Soundtrack hat.

„Unsere potenzielle Weiterentwicklung von Integrationsthemen in sozialen Medien könnte man augenzwinkernd Reel Integration nennen“, sagt Olena Krylova, Managerin von USB, mit einem Lächeln.

Nicht, weil man Integration auf die leichte Schulter nehmen sollte – sondern weil der schnellste Weg, sich zuhause zu fühlen, manchmal darin besteht, zu sehen, wie jemand anderes diese Stadt bereits genießt. Und wenn das in weniger als 60 Sekunden geschieht – umso besser.

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