Text: Anna Sliunchenko
In der Schweiz wollen immer mehr junge Menschen mit Migrationserfahrung gehört werden – wissen aber oft nicht, wie sie in die Politik einsteigen können. Einschränkungen bei den politischen Rechten, fehlender Zugang zu Netzwerken und unsichtbare Barrieren bremsen ihre Beteiligung, trotz einer starken Motivation, die Gesellschaft mitzugestalten. Gleichzeitig bringt gerade diese Jugend neue Erfahrungen, andere Perspektiven und Energie für Veränderungen mit. Um besser zu verstehen, wie diese Herausforderungen überwunden werden können, hat USB U.integration in Basel mit dem erfahrenen Politiker Paul Gähwiler-Wick gesprochen.
Gähwiler-Wick ist ein langjährig engagierter gesellschaftlicher Akteur, ehemaliger Präsident der katholischen Kirchgemeinde in Uzwil, Mitglied des Parlaments der Katholischen Kirche des Kantons St. Gallen sowie aktiver Teilnehmer politischer und gesellschaftlicher Initiativen. Heute unterstützt er zudem die Integration von Migrant:innen auf lokaler Ebene, indem er unter anderem wöchentlich Deutsch-Konversationstreffen durchführt, sowie aktives Mitglied politischer und gesellschaftlicher Initiativen (Mitte-Partei und Operation Libero). Durch seine Tätigkeit versteht er die Herausforderungen, mit denen Geflüchtete konfrontiert sind, sehr gut und gibt daher jungen Menschen mit Migrationshintergrund konkrete Tipps, wie sie ihren Weg in die Politik beginnen können.
Wie hat Ihr politischer Weg begonnen? Würden Sie heute etwas anders machen?
Mein Interesse an Politik wurde stark durch mein Elternhaus sowie durch den Staatskundeunterricht in der Schule geprägt. Mich hat immer fasziniert, wie Staaten funktionieren. Ich bin überzeugt: Eine Demokratie lebt nur dann, wenn Menschen sich einbringen. Deshalb habe ich stets eine aktive gesellschaftliche Haltung eingenommen. Während meiner Tätigkeit in einer Gewerkschaft habe ich erkannt, dass man tatsächlich etwas bewirken kann. Wenn ich heute noch einmal anfangen würde, würde ich früher damit beginnen, Netzwerke aufzubauen. Am Anfang habe ich vieles allein gemacht, aber Politik erfordert Zusammenarbeit.
Wenn Sie heute 15 Jahre alt wären und neu in eine Stadt wie Basel kämen – was wären Ihre ersten drei Schritte in Richtung Politik?
Erstens würde ich mir einen Überblick verschaffen: Wer ist in Basel politisch aktiv – Parteien, Jugendorganisationen, Initiativen oder Bewegungen? Zweitens würde ich meine eigenen Werte klären und schauen, wo ich mich am ehesten wiederfinde. Dann würde ich versuchen, mich genau dort einzubringen – idealerweise gemeinsam mit anderen jungen Menschen. Drittens würde ich selbst aktiv werden, zum Beispiel indem ich eine Veranstaltung zu einem Thema organisiere, das mir wichtig ist. So wird man sichtbar und kommt mit anderen ins Gespräch.

Was sind die häufigsten Herausforderungen, mit denen junge Menschen – insbesondere mit Migrationshintergrund – konfrontiert sind, wenn sie sich politisch engagieren wollen?
Zeit und Ressourcen sind ein grosses Thema. Viele junge Menschen sind in Ausbildung oder stehen am Anfang ihrer beruflichen Laufbahn. Politik erfordert jedoch Engagement und Energie. Zudem gibt es strukturelle Barrieren: Wer keinen Schweizer Pass hat, kann nicht wählen oder abstimmen. Das schränkt die direkte politische Teilhabe erheblich ein. Und leider gibt es auch Vorurteile. Name oder Herkunft können eine Rolle spielen. Damit muss man lernen umzugehen – auch wenn es nicht einfach ist.
Was ist besonders wichtig für politische Teilhabe in Basel?
Gemeinschaft ist zentral. Niemand sollte versuchen, politisch allein aktiv zu sein. Netzwerke sind sehr hilfreich – besonders heute, wo soziale Medien vieles erleichtern. Zudem ist es wichtig, Themen so aufzubereiten, dass sie viele Menschen erreichen. Veranstaltungen oder Aktionen sollten sich an eine breite Öffentlichkeit richten.
Viele junge Migrant:innen haben kein Stimmrecht. Welche konkreten Möglichkeiten haben sie dennoch, politisch Einfluss zu nehmen?
Es gibt heute viele Wege: Teilnahme an Kampagnen oder Online-Petitionen, das Starten eigener Petitionen, der Kontakt mit Politiker:innen, um Anliegen einzubringen, Engagement in Parteien oder Organisationen sowie die Organisation von Veranstaltungen und das Schaffen von Öffentlichkeit. Auch ohne Stimmrecht kann man Druck aufbauen und Themen sichtbar machen.
Was könnten Städte wie Basel konkret tun, um junge Migrant:innen besser einzubeziehen?
Man könnte Ausländer:innen mehr Mitspracherechte bei lokalen Abstimmungen einräumen, etwa bei kommunalen Themen. Zweitens sollte das Einbürgerungsverfahren vereinfacht und beschleunigt werden – politische Teilhabe beginnt oft mit dem Stimmrecht. Drittens könnte die Stadt ein beratendes Gremium oder ein „Soundingboard“ aus jungen Menschen mit Migrationshintergrund schaffen, damit die Politik direktes Feedback aus der Community erhält.
Was würden Sie jungen Menschen in Basel raten, die sagen: „Ich interessiere mich für Politik, weiss aber nicht, wo ich anfangen soll“?
Fangt klein an – aber fangt an. Sucht euch Menschen mit ähnlichen Interessen. Schaut euch um, stellt Fragen und bringt euch ein. Politik ist nichts Abstraktes – sie beginnt genau dort, wo ihr seid. Politik beginnt oft nicht mit grossen Entscheidungen, sondern mit kleinen Schritten.