«Wenn ich es kann – können es auch andere“: Wie innere Stärke zu freiwilliger Hilfe wird

Text: Svitlana Prokopchuk

Oleg Aborniev wurde mit einer infantilen Zerebralparese geboren und bewegt sich im Rollstuhl fort. Doch schon in den ersten Minuten des Gesprächs wird deutlich: Diese Geschichte handelt nicht von Leid, sondern von Bewegung – manchmal körperlich, manchmal innerlich, aber immer beharrlich.

Der russische Angriff auf die Ukraine veränderte sein Leben abrupt und ohne jede Vorbereitungszeit. Gemeinsam mit seiner Mutter musste Oleg Charkiw verlassen – so, wie Milionen Menschen das Land verlassen: schnell, beinahe instinktiv, nur das Allernötigste mitnehmend. Ohne Pläne und ohne Antwort auf die wichtigste Frage: „Was kommt danach?“

Die Schweiz wurde für ihn zu einem unerwarteten Ankerpunkt. Zu einer neuen Realität, die Schritt für Schritt angenommen werden musste. Doch diese Geschichte handelt nicht von Traurigkeit. Sie handelt von einem Leben, das weitergeht, auch wenn sich alles um einen herum dauerhaft verändert.

Integration, Sprache und alltägliche Barrieren

Die erste Herausforderung war die Sprache. Oleg sprach gut Englisch, doch er erkannte schnell, dass dies für eine vollständige Integration nicht ausreicht. Er begann Deutsch zu lernen und erreichte das Niveau B2. Das Lernen selbst war jedoch nicht einfach. Gebäude waren nicht immer vollständig barrierefrei, und wenn in der Sprachschule der Aufzug nicht funktionierte, wurde die Fortbewegung zu einer zusätzlichen Herausforderung. Heute spricht Oleg darüber mit Ironie: „Meine Kommilitonen haben mich in den dritten Stock getragen. Das war auch eine Form der Integration.“

Trotz aller Schwierigkeiten wurden die Sprachkurse zu einem wichtigen Schritt in sein neues Leben. Doch nach deren Abschluss stellte sich ein weiteres Problem: das Fehlen eines offiziellen Zertifikats. Die Prüfung kann er aufgrund von Legasthenie nicht ablegen, da der schriftliche Teil für ihn nicht zugänglich ist. Schreiben kann er nur am Computer – bei der Prüfung ist dies jedoch nicht möglich. „Es geht nicht um Sprachkenntnisse. Ich kann auf Ukrainisch, Englisch und Deutsch schreiben. Aber das System berücksichtigt meine Besonderheiten nicht“, erklärt er.

Freiwilligenarbeit als Lebensform

Der größte Teil seiner Tätigkeit in der Schweiz ist heute die Freiwilligenarbeit. Oleg unterstützt Ukrainerinnen und Ukrainer in Spitälern und sozialen Einrichtungen, begleitet Menschen als Übersetzer – oft in Situationen, in denen es nicht nur um Sprache, sondern um das genaue Verständnis medizinischer oder sozialer Abläufe geht. „Der Bedarf an Übersetzern ist enorm. Menschen können manchmal einfach nicht erklären, was mit ihnen passiert. Das ist entscheidend wichtig“, sagt er.

Er bot seine Dienste auch offiziellen Organisationen an, doch das System erwies sich als streng reglementiert: Übersetzungen dürfen nur mit Zertifikat erfolgen. Selbst dort, wo seine Hilfe offensichtlich nützlich wäre, bleibt er durch Bürokratie aus formellen Tätigkeiten ausgeschlossen. „Ich mache das als Freiwilliger. Aber der Bedarf ist so groß, dass es manchmal unlogisch wirkt: Menschen warten Wochen, obwohl Hilfe direkt verfügbar wäre“, erklärt Oleg.

 

Erfahrungen, die sich nicht ersetzen lassen

In der Ukraine verfügte Oleg über umfangreiche berufliche und gesellschaftliche Erfahrung: Er arbeitete als Übersetzer, organisierte internationale Wirtschaftskonferenzen, Seminare und Kinderlager und engagierte sich in sozialen Projekten für Kinder aus Internaten und für Binnenvertriebene. Der Mann betreibt außerdem professionell Armwrestling. Er ist Mehrfacher Europameister im Armwrestling und zweimaliger Vize-Weltmeister. Seit 2022 tritt er für die Schweiz an. Zweifacher Weltmeister im Fitness und Bodybuilding. „Ich wollte ein Beispiel sein: Eine Behinderung ist kein Urteil. Wenn ich im Rollstuhl etwas kann, dann können andere noch mehr“, sagt er. Diese Lebensphilosophie hat sich nach seiner Migration nicht abgeschwächt – im Gegenteil, sie wurde stärker und erhielt eine neue Dimension.

Barrieren auf dem Arbeitsmarkt

Trotz seiner Erfahrung gestaltet sich die berufliche Integration schwierig. Arbeitgeber bleiben häufig bei zwei Faktoren stehen: dem Status als Migrant und der körperlichen Behinderung. „Oft wird man nicht als Fachperson gesehen. Zuerst sieht man den Rollstuhl, dann den vorübergehenden Aufenthaltsstatus in der Schweiz, und erst danach den Menschen“, sagt er. Doch sein Leben ist nicht „vorübergehend“. Es lässt sich nicht pausieren. Oleg nimmt daher eine sehr aktive Haltung ein und hat keinen Raum für Selbstzweifel.

Er lebt in Bern – einer Stadt, die er als eine der rollstuhlfreundlichsten der Welt beschreibt. „Die Zugänglichkeit ist sehr gut. Ich spüre das jeden Tag. Es gibt natürlich kleine Probleme, aber im Vergleich zu anderen Ländern ist der Unterschied enorm“, sagt er. Kürzlich hat Oleg geheiratet. Seine Frau arbeitet im Gesundheitswesen, ihre Tochter aus erster Ehe – die er ebenfalls als seine Tochter bezeichnet – besucht die Schule und spricht bereits gut Deutsch. Die Familie bezieht keine Sozialhilfe. In ihrer Freizeit organisieren sie Benefizveranstaltungen zur Unterstützung von Kindern, die vom Krieg in der Ukraine betroffen sind.

 

Gemeinschaft als Halt

Ein wichtiger Teil seines Lebens ist die Organisation von Treffen der ukrainischen Gemeinschaft in Bern. Diese finden in einem Kirchenraum statt, wo Menschen unterschiedlichen Alters zusammenkommen, um sich auszutauschen, sich gegenseitig zu unterstützen und Hilfe zu leisten. „Das ist eine kleine ukrainische Familie. Hier sprechen wir unsere Sprache, unterstützen uns gegenseitig. Und es kommen immer mehr Menschen dazu“, erzählt er.

Trotz aller Schwierigkeiten – Krieg, Migration, systemische Hürden – spricht Oleg nicht in der Sprache der Niederlage. Seine Geschichte basiert auf drei Säulen: Erfahrung, Handlung und Hilfe für andere. Er sucht weiterhin Arbeit, denkt über die Gründung eines eigenen Unternehmens nach, arbeitet aber gleichzeitig täglich als Freiwilliger. „Ich mache einfach das, was ich kann. Wenn es die Möglichkeit gibt zu helfen, dann tue ich das. Und das ist wahrscheinlich das Wichtigste“, fasst er zusammen.

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