Zwischen zwei Barrieren: Geflüchtete mit Behinderung in der Schweiz

Text: Svitlana Prokopchuk

Krieg, Verfolgung und Menschenrechtsverletzungen haben Tausende Menschen aus aller Welt gezwungen, ihre Heimat zu verlassen und in der Schweiz Schutz zu suchen. Für geflüchtete Menschen mit Behinderung wurde die erzwungene Migration zu einer doppelten Belastung: Neben dem Trauma des Verlustes und der Anpassung an ein neues Land stoßen sie täglich auf Barrieren, die selbst die grundlegende Integration erschweren. Die Jobsuche, die für viele ein Weg zu Würde und Unabhängigkeit ist, wird zu einem komplexen und oft zermürbenden Prozess — zwischen Sprachschwierigkeiten, Bürokratie und eingeschränkten Möglichkeiten für zugängliche Ausbildung oder Beschäftigung.

Das Recht auf Bildung: Viras Geschichte, die auf ihre Chance wartet

Vira war das erste Kind der Familie Bohonyuk. Dass ihre Tochter mit Down-Syndrom geboren wurde, erfuhren Svitlana und Ihor im Krankenhaus. Dazu hatte Vira eine schwere Darmfehlbildung und einen angeborenen Herzfehler — bis zum zweiten Lebensjahr wurde sie mehrfach operiert. Das Leben in einer neuen Realität zu lernen war unvorstellbar schwer. Doch die Liebe und der gegenseitige Rückhalt in der Familie halfen dabei, die Schwierigkeiten und Barrieren zu überwinden, auf die die Bohonyuks auf ihrem Lebensweg stießen.

Als russische Truppen auf Kyjiw vorrückten und Raketen in die Nachbarhäuser einschlugen, entschied die Familie — inzwischen mit drei Kindern — die Ukraine zu verlassen. In wenigen Stunden gepackt, kamen sie zunächst nach Polen, eine Woche später in die Schweiz. Vira besuchte eine Sonderschule und schien alle Chancen zu haben, eine Berufsausbildung zu beginnen. Doch obwohl beide Elternteile arbeiten, können sie sich diese Ausbildung nicht leisten — rund 20’000 Franken pro Monat.

„Wir hatten ein Treffen bei der Invalidenversicherung (IV). Obwohl Vira einen Bestätigungsbrief erhalten hatte, dass eine Organisation bereit war, sie aufzunehmen, verweigerte die IV die Finanzierung. Wir sind verzweifelt», erzählt Viras Mutter Svitlana Bohonyuk. Die Familie sucht derzeit nach anderen Möglichkeiten für ihre Tochter mit Down-Syndrom. Das nächste Gespräch, bei dem die Familie die IV-Fachleute von der Notwendigkeit einer Finanzierung überzeugen hofft, findet in zwei Jahren statt.

Wissen vorhanden, Chancen kaum: Olehs Geschichte im Kreislauf des Systems

Oleh Aborniev hat seine Ausbildung noch in der Ukraine absolviert. „Ich habe infantile Zerebralparese — ein angeborenes Problem. Ich kann mich ohne Rollstuhl nicht fortbewegen. Aber ansonsten bin ich gesund und betreibe sogar professionell Armdrücken», erzählt Oleh.

Aus Charkiw floh Oleh mit seiner Mutter vor dem Krieg. Er spricht gut Englisch und lernte für eine erfolgreiche Integration in die Schweizer Gesellschaft Deutsch bis auf Niveau B2. Wenn in der Sprachschule der Aufzug nicht funktionierte, trugen ihn seine Mitschüler im Rollstuhl in den dritten Stock. „Ich habe die Sprachkurse abgeschlossen, aber für das Zertifikat muss ich eine schriftliche Prüfung ablegen. Ich habe jedoch Legasthenie — ich kann handschriftlich keine grammatikalisch korrekte Sprache schreiben. Am Computer kann ich normal schreiben, aber so darf man die Prüfung nicht ablegen. Das ist keine Frage der Sprachkenntnisse, sondern eine körperliche Besonderheit. Das Ergebnis: Ich habe das Wissen, aber keinen Nachweis. Und Arbeitgeber lehnen ohne Zertifikat ab», sagt Oleh.

In der Ukraine arbeitete Oleh über 25 Jahre lang ehrenamtlich mit Kindern. Er wollte für sie ein Vorbild sein und zeigen, dass ein Rollstuhl kein Urteil ist. Beruflich arbeitete er als Übersetzer vom Englischen ins Ukrainische und organisierte Geschäftsseminare, Konferenzen und internationale Projekte — er schuf eine Plattform für die Zusammenarbeit internationaler Unternehmen mit der Ukraine. „Hier wurde ich nicht für eine Arbeit mit Kindern eingestellt, mit der Begründung, es würde mir ‚unangenehm‘ sein. Den Rollstuhl erwähnten sie natürlich nicht direkt», fügt Oleh hinzu.

Ein weiteres Problem ist die Wahrnehmung: Der Arbeitgeber sieht zunächst einen Migranten — und dann noch eine Person im Rollstuhl. „Es entstehen Vorurteile bezüglich Effizienz und Arbeitsbedingungen, obwohl ich problemlos im Büro arbeiten kann», sagt Oleh. Derzeit hilft er Ukrainerinnen und Ukrainern kostenlos bei Übersetzungen in Krankenhäusern und Sozialdiensten. Der Bedarf ist enorm, aber offiziell arbeiten kann er wegen des fehlenden Zertifikats nicht. Ein Teufelskreis.

„Ich würde mir wünschen, dass den tatsächlichen Fähigkeiten eines Menschen mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird als formalen Barrieren. Denn oft liegt das Problem nicht in den Möglichkeiten der Person, sondern in einem System, das nicht bereit ist, diese Möglichkeiten zu erkennen», resümiert er.

Wenn Standard-Prozesse nicht greifen. Ingeus ZH zeigt: Integration von Menschen mit doppelter Belastung sind möglich

In der Schweiz ist Arbeit ein zentraler Faktor der sozialen Integration. Denn durch Erwerbstätigkeit empfindet sich die betroffene Person selbst als vollwertiger Teil der Gesellschaft und wird von dieser auch so betrachtet. Daher wurde ein System zur beruflichen Integration aller Bevölkerungsgruppen aufgebaut.

Viele Unternehmen und Organisationen sind intensiv in diesen Prozess eingebunden. So auch die Ingeus AG, bei der Vira Rodionova seit 2024 als Job-Coach arbeitet. Das internationale Unternehmen mit Niederlassungen in elf Ländern hat in der Schweiz Filialen unter anderem in Zürich und Lausanne. „Ein Fokus unserer Arbeit betrifft Menschen mit Migrationshintergrund: also jene, die aufgrund der Bedrohung für ihr Leben oder ihre Gesundheit zur Migration gezwungen waren und nun versuchen, ihr Leben in der Schweiz neu aufzubauen“, erklärt Vira Rodionova. „Wir begleiten Sie dabei, sich in Ihrer neuen Heimat auch im Alltag gut zurechtzufinden und erfolgreich im ersten Arbeitsmarkt Fuss zu fassen.“ „Die zweite Gruppe umfasst Menschen mit Beeinträchtigungen (oft einheimische Bevölkerung, aber nicht nur): Personen, die schwierige Lebensumstände erlebt haben, etwa Depressionen, oder mit mentale bzw. körperliche Beeinträchtigungen.

Für sie braucht es teils spezielle Beschäftigungsprogramme (Einsatzplätze). Ihnen geht es nicht nur um einen Job, sondern um die Wiederherstellung des Selbstwertgefühls, der sozialen Teilhabe und der Chance zur Selbstverwirklichung. Das dies auch im 1. Arbeitsmarkt möglich ist, zeigt sich oft in unseren Coachings.“ „Ferner existiert eine Mischgruppe – Menschen mit Beeinträchtigung, die gezwungen sind, sich in einem neuen Land wiederzufinden.“ Hier besteht eine zentrale Herausforderung darin, dass diese Menschen zwar eine vergleichbare Unterstützung erhalten, wie andere, eigentlich jedoch einen deutlich individuelleren Ansatz benötigen. Ein Beispiel ist das Erlernen der Sprache: Für eine Person im Rollstuhl ist die bauliche Barrierefreiheit der Bildungseinrichtungen notwendig. Hör- oder Sprachbeeinträchtigungen benötigen spezialisierte Lehrmethoden.

Eine Veranstaltung der Organisation NCBI zeigte die Problematiken diese Gruppe (zwangsvertriebene Menschen mit Behinderung) und warf die Frage auf, wie ihnen geholfen werden kann. Meine Schlussfolgerungen sind allerdings ernüchternd: Der beruflichen Integration jeder Person geht eine Vorbereitungsphase voraus. Bereits dort müssen zahlreiche Fragen geklärt werden: Der Zugang zu ausreichend Informationen und angepasste Sprachlernprogramme. Denn, bestehenden Deutschkurse als Zweitsprache berücksichtigen kaum spezifischen sensorischen Einschränkungen“, ergänzt Vira Rodionova. Zudem bestehen Probleme bei der Organisation grundlegender Lebensbedürfnisse (angepasster Wohnraum, Betreuung).

Nicht weniger komplex ist die Situation auf dem Arbeitsmarkt. Zusätzlich zu individuellen Hürden stehen beeinträchtige Migrant:innen vor, für den Suchprozess typischen Barrieren, wie: Misstrauen gegenüber Qualifikationen, ein übersättigter Arbeitsmarkt, psychische Folgen traumatischer Erfahrungen sowie besonders oft: mangelndes Selbstvertrauen. Der Verlust der (beruflichen) Identität in einem neuen Umfeld bedeutet ein ernsthaftes Hindernis auf dem Weg zur Beschäftigung. Vira Rodionova: « Gleichzeitig zeigt die Praxis: Eine Arbeitsstelle zu finden ist möglich». Ein Job sichert nicht nur finanzielle Unabhängigkeit, sondern wirkt positiv auf den psychischen und physischen Zustand der Menschen.

Wie gelangt man zu einem Job: Vor „Der Einstieg in den Arbeitsmarkt beginnt mit einer realistischen Standortbestimmung: Welche Kompetenzen sucht der Arbeitgeber, und wie kann man sie unter den gegebenen Bedingungen am erfolgreichsten einsetzen? Wichtige Schritte sind das Erlernen der Sprache, die Anerkennung oder Übersetzung von Abschlüssen, der Aufbau von Referenzen sowie erste praktische Erfahrungen durch Praktika. Zentral ist die innere Bereitschaft, sich auf eine neue berufliche Realität einzulassen.“ Was die Arbeitgeber betrifft, gibt es Unternehmen, die angepasste Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung anbieten. Diese Stellen erfordern meist keine hohe Qualifikation. Gleichzeitig sind die Arbeitsplätze auf die Bedürfnisse der Beschäftigten ausgerichtet und ermöglichen, sich als nützlich zu erleben. Aber: Es gibt nur wenige solcher Unternehmen. Hier sind eine besonders gute Recherchearbeit und ein optimales Arbeitgebernetzwerk von grosser Wichtigkeit, worüber Ingeus ZH verfügt.

Aktuell ist die Unterstützung von Menschen mit doppelter Belastung (Beeinträchtigung + Fluchterfahrung) nicht ausreichend und benötigt mehr Aufmerksamkeit. Zumal derzeit eher mehr Sozialhilfe gewährleistet wird, als in passende Integrationsprogramme zu investieren, die zum Vorteil hätten, dass diese Personen verstärkt ebenfalls vollwertiger Teil der Gesellschaft sein können. Ingeus ist weiterhin für Integration allen Betroffenen stark engagiert.

Kein Urteil, sondern ein Ausgangspunkt!

Die Geschichten von Menschen mit besonderen Bedürfnissen, die gleichzeitig Fluchterfahrung haben, handeln nicht nur von Schwierigkeiten. Sie handeln vor allem von Stärke, Ausdauer und der Fähigkeit, dort neu anzufangen, wo alles verloren scheint. In diesem schwierigen Integrationsprozess spielen zivilgesellschaftliche und gemeinnützige Organisationen eine wichtige Rolle — sie sind oft die erste Stütze, die erste Brücke in ein neues Leben. Durch sie entsteht nicht nur Zugang zu Informationen, sondern auch das Gefühl: Du bist nicht allein.

Die Schweiz hat trotz gewisser systemischer Herausforderungen ein erhebliches Potenzial, wirksame und menschenwürdige Integrationsmodelle zu entwickeln. Es gibt Ressourcen, Erfahrung und das Bewusstsein, dass jeder Mensch einen Wert hat. Doch selbst die besten Programme bleiben nur Instrumente, wenn das Entscheidende fehlt — der innere Entschluss zu handeln. Motivation wird zum ausschlaggebenden Faktor. Nicht als abstraktes Wort, sondern als tägliche Entscheidung. Und äußere Unterstützung — von Fachleuten, Organisationen, Gemeinschaften — kann die inneren Ressourcen eines Menschen stärken. Denn Migrationserfahrung ist kein Urteil. Sie ist ein Ausgangspunkt.

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