Basierend auf dem Vortrag von Prof. Theo Wehner, ETH/EGH präsentiert am EntreCivil-Symposium in Zürich am 24.04.2026
Wenn wir an Freiwilligenarbeit denken, stellen wir uns meist selbstlose Menschen vor, die ihre Zeit für das Wohlergehen anderer opfern. Ein schönes Bild, aber laut dem Arbeits- und Organisationspsychologen Theo Wehner auch ein unvollständiges. Nach jahrzente langer Forschung mit Auskünften von über 15.000 Freiwilligen aus vielen Ländern Europas argumentiert Wehner, dass Freiwilligenarbeit weit mehr ist als Altruismus: eine psychosoziale Ressource, Ausdruck persönlicher Werte, gelebte demokratische Praxis und ein Spiegel der jeweiligen Arbeitsgesellschaft, in der sie geleistet wird.
„Wenn das bezahlt würde, würde ich es nicht mehr tun»
Wehners Forschungsweg an der ETH begann um die Jahrtausendwende mit einer einzigen Aussage aus einem Interview. Auf die Frage nach ihrer Motivation schnitt eine Interviewpartnerin die Diskussion kurzerhand ab: „Ach wissen Sie, wenn das, was ich hier mache, bezahlt würde, würde ich es nicht mehr tun.» Für einen Arbeitspsychologen, der in der Tradition der existenzsichernden Lohnarbeitspsychologie ausgebildet und bisher dort als Forscher tätig war, war das eine Herausforderung, die ernst genommen werden musste: Die Aussicht auf Bezahlung stellt das Motiv der Freiwilligenbezahlung radikal in Frage! Nun wurde Anträge gestellt, Projekte lanciert, Dissertationen geschrieben und untersucht, was Freiwilligenarbeit von Erwerbsarbeit unterscheidet, und warum die klassische Arbeitspsychologie sie weitgehend ignoriert hatte.
Der erste Befund betraf die Definition. Freiwilligenarbeit, so Wehner, braucht eine präzise Umschreibung: Sie ist unbezahlte, organisierte, soziale Arbeit, die persönlich und unter regelmäßigem Zeitaufwand erbracht wird, prinzipiell auch von einer dritten Person geleistet und potenziell auch bezahlt werden könnte, wenn es einen Markt dafür gäbe. Das unterscheidet Freiwilligenarbeit klar von Freizeit, Enkelhüten oder dem «freiwilligen» Besuch einer Veranstaltung. Die Definition ist wichtig, weil sie Freiwilligenarbeit an ihre gesellschaftliche und demokratische Funktion bindet, und nicht nur an den Einsatz von Zeit und den guten Willen Einzelner.
Nicht die Persönlichkeit, sondern die Werteorientierung
Ein der überraschenden Ergebnisse aus der Forschung ist auch, wie wenig Persönlichkeitsprofile erklärt, wer sich freiwillig engagiert.
Was die Freiwilligen verbindet, ist eine ausgeprägte Werteorientierung. Von den ersten philanthropischen Bewegungen des 19. Jahrhunderts bis zu den heutigen Organisationen der Zivilgesellschaft war freiwilliges Engagement stets von Werten getrieben – von Werten, die in der jeweiligen gesellschaftlichen Situation als gefährdet oder als dringend empfunden werden. Menschen engagieren sich nicht wegen ihres Charakters, sondern wegen ihrer Überzeugungen: «…das, was ich hier tue, sagt etwas Wichtiges über mich aus». Das hat praktische Konsequenzen. Freiwillige sind nicht einfach «nette Menschen», die koordiniert und bedankt werden wollen und mitunter einen «Zustupf» erhalten. Sie sind Bürgerinnen und Bürger, die aus Gewissheit handeln. Diese Ernsthaftigkeit bringen sie in ihre Arbeit ein und verleite ihr persönlichen Sinn.
Ein europäisches Mosaik: Arbeitskultur prägt Freiwilligenmotivation
Einer der markantesten Befunde der Forschungsgruppe ist ein Beharren darauf, dass Freiwilligenarbeit nicht losgelöst von der Erwerbsarbeitskultur verstanden werden kann, in die sie eingebettet ist. Der Vergleich von Motiven in verschiedenen EU-Ländern (Frankreich, Schweiz, Spanien, Litauen, Polen und anderen) ergab auffällige Unterschiede, die nur im jeweiligen gesellschaftlichen Kontext Sinn ergeben. In Ländern, in denen kollektive Erfahrung am Arbeitsplatz stark geschwunden ist, ist das Kompensationsmotiv ausgeprägt: Menschen suchen im Ehrenamt das, was ihnen die Erwerbsarbeit nicht bieten kann – Gemeinschaft, gemeinsamen Sinn, das Gefühl, zu etwas Größerem beizutragen. In Ländern, in denen die Arbeit diese Bedürfnisse bereits in gewissem Maß erfüllt, wird Freiwilligenarbeit eher ergänzend zur Erwerbsarbeit als kompensatorisch erlebt. Für die Praxis bedeutet das, dass ein schematisches, einheitliches Konzept bei der Gewinnung und Begleitung von Freiwilligen das Wesentliche leicht verfehlt. Wer verstehen will, warum Menschen in einem bestimmten Land freiwillig tätig sind, muss zuerst verstehen, wie sich ihr Arbeitsleben anfühlt.

Der Wendepunkt bei 34 Stunden
Gestützt auf umfangreiche europäische Daten präsentierte Wehner einen weiteren Befund zur Beziehung zwischen Erwerbsarbeitszeit und Lebenszufriedenheit. Wenn man auf der y-Achse die Lebenszufriedenheit und auf der horizontalen x-Achse die Wochenarbeitszeit abträgt, dann fragt sich, wie dieser Kurvenverlauf wohl aussieht? Der Zusammenhang stellt sich als umgekehrtes «U» dar: Eine geringe Wochenarbeitszeit führt auch zu geringer Lebenszufriedenheit und steigt mit zunehmendem zeitlichem Arbeitsvertrag an. Zwischen 25 und 34 Arbeitsstunden pro Woche tritt jedoch eine Wende ein: Bei weiterer Steigerung der Lohnarbeit sinkt die Lebenszufriedenheit wieder. Als Forschende im Anschluss fragten, womit die Menschen ihre freie Zeit jenseits dieser Schwelle verbringen würden, waren die Antworten aufschlussreich. An erster Stelle stand Zeit für sich selbst. An zweiter Stelle Zeit für die Familie. An dritter Stelle: Freiwilligenarbeit. Trotz zunehmender Individualisierung westlicher Wohlstandsgesellschaften kommt nach dem «Ich», das familiale/ partnerschaftliche «Wir», danach geht es aber auch um «Uns alle».
Sinn als messbarer Ressource
Zentral für Wehners Ansatz ist das Konzept des Sinns. In Anlehnung an das Modell der «Salutogenese» («was hält den Gesunden gesund?) argumentiert er, dass sinnvolle Tätigkeiten das psychische Wohlbefinden über drei miteinander verbundene Komponenten stärken: die Fähigkeit, die eigene Situation zu verstehen (Verstehbarkeit), ihre Anforderungen bewältigen zu können (Handhabbarkeit) und sie als für mich und für andere als bedeutsam zu erleben (Bedeutsamkeit).
Die Daten zur Sinnerfüllung belegen dies eindrücklich. In einer repräsentativen Studie mit Stichproben aus der Schweiz, Österreich und Deutschland erzielten Freiwillige deutlich höhere Werte bei der Sinnerfüllung als Personen in der Allgemeinbevölkerung. Darüber hinaus erzielten, aber Freiwillige Feuerwehrleute wiederum eine deutlich höhere Sinnbefriedigung als Berufsfeuerwehrleute.
Die Konsequenzen für die Arbeitswelt sind ebenso bedeutsam: In dem sogenannten «Fehlzeiten-Report 2018» wurden Beschäftigte mit schlechter und mit guter Sinnpassung verglichen. Dabei zeigte sich, dass jene mit guter Passung knapp 10 krankheitsbedingte Fehltage pro Jahr aufwiesen, wobei jene mit schlechter Sinnpassung bei 19,6 Fehltagen lagen. Sinn ist, wie sich zeigt, kein Luxus. Er ist eine Ressource für die Gesundheit und das Wohlbefinden und rechnet sich auch für die Unternehmen!
Schutz vor Burnout im Ehrenamt
Besonders eindrücklich war im Vortrag noch das Beispiel der Hospizarbeit. Trotz der Begleitung sterbender Menschen – einem der emotional anspruchsvollsten Kontexte überhaupt – geraden hauptamtliche Palliativpflegekräfte häufig in Burnout, während Hospizhospizfreiwillige deutlich niedrigere, bis keine Burnout-Werte aufwiesen. Der Unterschied liegt in der Struktur der Tätigkeit selbst: Freiwillige behalten die Autonomie darüber, wann und wie sie sich einbringen, erhalten bedeutungsvolle kollegiale Unterstützung und sind in Gemeinschaften mit geteiltem Sinn eingebettet. Nach der Begleitung eines Patienten bis zum Tod nehmen Hospizfreiwillige eine mehrmonatige Auszeit, bevor sie eine neue Begleitung übernehmen – eine natürliche Phase des Trauerns und der Neuorientierung, die hauptamtlichen Kräften selten bis nie zugestanden wird. Dieser Kontrast verweist auf etwas Grundsätzliches: Gut gestaltete Freiwilligenorganisationen können das psychische Wohlbefinden möglicherweise wirksamer schützen als viele professionelle Arbeitsstrukturen dies – auf Grund von Gewinnorientierung – tun.
Zivilgesellschaft unter Druck
Bereits zum Beginn weitete Wehner den Blick auf den Zustand der Zivilgesellschaft von heute. Was einst als unbestrittenes demokratisches Gut galt, wird inzwischen (auch in maßgeblichen politischen Publikationen) offen als ambivalent bezeichnet. Freiwilligenorganisationen werden geschätzt für ihre Fähigkeit, Lücken zu füllen, die der Staat nicht erreicht, und zugleich zunehmend hinterfragt: Was dürfen diese Organisationen eigentlich tun? Was sollten sie besser lassen? Und werden die Gemeinschaften wirklich von Organisationen unterstützt, die in ihrem Auftrag handeln, oder doch eher von solchen, die gemeinsam mit ihnen tätig sind? Diese Spannung ist real und verdient es, beim Namen genannt zu werden. Zu lange, so Wehner, hat der Freiwilligenbereich mit einer strukturellen Asymmetrie operiert: Fachleute und langjährige Einwohnerinnen und Einwohner gestalten Programme für Neuankommende, Migrantinnen und Migranten oder marginalisierte Gruppen, anstatt dies mit ihnen zu tun. Diese Asymmetrie zu überwinden ist nicht nur gute Praxis. Es ist ein demokratisches Gebot der Zeit.
Ein letztes Wort gehört der Faulheit
In einem charakteristisch humanistischen Schluss zitierte Wehner den Dichter Gotthold Ephraim Lessing: „Laßt uns faul in allen Sachen/
Nur nicht faul zu Lieb’ und Wein/
Nur nicht faul zur Faulheit sein/“ Lessing, so Wehner, verstand, dass auch die Faulheit eine Form des Tätigseins ist, und dass eine wirklich humane Gesellschaft auch ihr Raum geben muss. Nach Jahrzehnten der Forschung darüber, was Arbeit sinnvoll macht, ist Wehners Einladung erfrischend einfach: Lasst uns Gesellschaften entwickeln, in denen Menschen sich in Arbeit und Freizeit vollumfänglich einbringen, und auch rundum erholen können. Beides, so zeigt sich, ist notwendig für ein gelingendes Leben.
Dieser Artikel basiert auf einem Plenarvortrag am EntreCivil-Symposium zu Freiwilligenengagement und Zivilgesellschaft. Das Projekt EntreCivil wird im Rahmen des EU-Programms Erasmus+ sowie in der Schweiz durch die Stiftung Movetia gefördert und unterstützt die Professionalisierung zivilgesellschaftlichen Engagements von geflüchteten Frauen aus der Ukraine in Österreich, Deutschland, Liechtenstein und der Schweiz.
Foto Halyna Khramova