Text: Svitlana Prokopchuk
Integration in einem neuen Land bedeutet weit mehr als Sprache zu lernen oder Arbeit zu finden. Für viele Migrantinnen und Migranten in der Schweiz ist es ein täglicher Kampf mit unsichtbaren Barrieren: Vorurteilen, Bürokratie, nicht anerkannten Diplomen und eingeschränkten Chancen. Warum bleiben selbst hoch motivierte und qualifizierte Menschen oft vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen? Wo versagt das System – in den Gesetzen oder in ihrer Umsetzung? Und welche Rolle spielt die Gesellschaft selbst? Im Gespräch mit der Migrationsfachfrau und Politikerin Anette Vogt geht es um die realen Herausforderungen der Integration – ohne Beschönigung, Illusionen und Vereinfachungen. Anette Vogt lebt in Burgdorf und ist ausgebildetete Migrationsfachfrau. Sie leitet derzeit die Fachstelle Integration der Stadt Burgdorf. Politisch ist sie Mitglied des Stadtrats von Burgdorf. Zudem wurde sie kürzlich in den Grossen Rat des Kantons Bern gewählt und wird im Juni vereidigt.
Welche Barrieren für Migrantinnen und Migranten in der Schweiz halten Sie derzeit für die schwierigsten – sprachliche, arbeitsmarktbezogene oder gesellschaftliche Vorurteile? Was erschwert die Integration?
Ich denke, Herausforderungen gibt es in allen genannten Bereichen. Es betrifft nicht nur Asylsuchende, sondern auch Ausländerinnen und Ausländer allgemein. In der Schweiz spürt man häufig eine gewisse Skepsis gegenüber diesen Menschen und teilweise sogar Ablehnung. Diese Haltung wird leider von gewissen politischen Parteien sehr bewirtschaftet und gefördert.
Ich beobachte das insbesondere bei Arbeitgebenden, aber auch bei Vermietern von Wohnraum. Sobald ein ausländischer Name erscheint, entsteht oft sofort Misstrauen. Ich halte das für ein grosses Hindernis, denn viele Menschen bekommen gar keine Chance zu zeigen, dass sie zuverlässig und pünktlich sind und beispielsweise ihre Miete problemlos rechtzeitig bezahlen.
Natürlich sind nicht alle Menschen hier so eingestellt. Aber bei vielen von uns existiert eine gewisse rassistische Grundhaltung, die die Prozesse stark hemmt. Und das wirkt sich auch auf die Politik aus. Wenn gespart werden muss, wird sehr gerne zuerst im Asylbereich gekürzt, obwohl da sowieso schon sehr wenig vorhanden ist. Das führt zu begrenzten Ressourcen für Sprachkurse und andere Strukturen – und genau das ist ein zentrales Integrationshindernis. Denn wenn Menschen gezwungen werden, monatelang oder sogar jahrelang passiv zu bleiben, denn Asylsuchende dürfen in der ersten Zeit nicht arbeiten, werden sie träge und haben danach grosse Schwierigkeiten, wieder ins aktive Leben zurückzufinden. Würden sie von Anfang an die Sprache lernen und an Programmen teilnehmen können, könnten sich viel mehr Menschen schneller in den ersten Arbeitsmarkt integrieren.
Wo versagt das System Ihrer Meinung nach am häufigsten – auf Gesetzesebene oder bei der Umsetzung?
Das ist eine schwierige Frage. Ich denke, es gibt einige Gesetze, die nicht integrationsfördernd sind. Wenn jemand beispielsweise ein Asylgesuch stellt, darf er zunächst nicht arbeiten und erhält keine unmittelbare Unterstützung beim Spracherwerb. Hier zeichnen sich zwar Veränderungen ab, und ich hoffe, dass sich die gesetzlichen Grundlagen verbessern. Denn je früher man in die Integration investiert, desto schneller zeigen sich Ergebnisse – insbesondere im Bereich der wirtschaftlichen Unabhängigkeit. Bei der Umsetzung spielt der Aufenthaltsort eine grosse Rolle. Die Gesetzgebung ist schweizweit einheitlich, aber die Praxis unterscheidet sich stark von Kanton zu Kanton.
Hängt Integration eher vom Individuum oder vom System ab?
Ich denke, beides spielt eine Rolle. Menschen brauchen eine grosse innere Stärke: offen sein, Chancen nutzen, Kontakte knüpfen. Dann gelingt Integration schneller und Sprachen werden leichter gelernt. Gleichzeitig ist das nicht für alle möglich. Menschen, die traumatisiert sind, schlecht schlafen oder psychisch stark belastet sind, können sich oft kaum auf ein neues Leben einlassen. Sie sind teilweise neurologisch nicht in der Lage, eine neue Sprache zu lernen. Auch das System könnte mehr leisten – etwa durch zusätzliche Ressourcen und Angebote, die nicht nur für die Stärksten funktionieren. Heute integrieren sich vor allem jene schneller, die viel Energie und Belastbarkeit mitbringen. Diese Eigenschaften hat jedoch leider nicht jede Person.
Was könnte das System für schwächere Personen tun?
Es braucht mehr passende Strukturen. Zum Beispiel Sprachkurse für Menschen mit geringer Schulbildung oder für langsamer Lernende. Ebenso Programme für sehr schnell Lernende. Das bedeutet eine Erweiterung des Angebots – und damit wieder mehr Ressourcen. Und genau hier stossen wir auf das politische Problem des Sparens. Doch ohne Investitionen funktioniert Integration nicht.
Warum bleiben viele Migrantinnen und Migranten trotz Qualifikation ohne Arbeit oder unter ihrem Niveau beschäftigt?
Das ist ein strukturelles Problem. Viele ausländische Diplome werden in der Schweiz nicht oder nur teilweise anerkannt. Teilweise gelten sie praktisch als wertlos. Das bedeutet, dass Menschen, die jahrelang ausgebildet wurden, hier oft so behandelt werden, als hätten sie keinen beruflichen Hintergrund. Eine Person, die beispielsweise 20 Jahre im Spital im Heimatland gearbeitet hat, bringt sehr viel Erfahrung mit und dennoch ist der Wiedereinstieg in den medizinischen Bereich in der Schweiz extrem schwierig. Ich sehe hier grosses ungenutztes Potenzial.
Sind Arbeitgeber offen genug gegenüber potenziellen Arbeitskräften mit Migrationshintergrund?
Leider nicht alle. Es gibt offene Arbeitgeber, aber sie sind in der Minderheit. Häufig spielen Vorurteile oder einzelne negative Erfahrungen eine Rolle, die dann auf ganze Gruppen übertragen werden. Das ist eine Form von Diskriminierung, die vielen nicht bewusst ist.
Ist das System auf Menschen mit doppelter Vulnerabilität vorbereitet (z. B. Behinderung und Flüchtlingsstatus)?
Hier braucht es deutlich mehr Sensibilität. Diskriminierung muss breiter verstanden werden – nicht nur als Rassismus, sondern auch im Zusammenhang mit Behinderung, Alter oder sozialem Status.Und auch hier gilt: Ohne ausreichende Ressourcen ist echte Verbesserung kaum möglich.
Entsprechen Sprachkurse den tatsächlichen Bedürfnissen?
Im Grossen und Ganzen funktionieren sie gut. Was jedoch fehlt, sind zum Beispiel Dialektkurse, obwohl diese in gewissen Berufen – etwa in der Pflege älterer Menschen – sehr wichtig wären. Es gibt aber auch gute Ansätze, etwa Programme, die Arbeit und Spracherwerb kombinieren.
Was müsste Ihrer Meinung nach am dringendsten verändert werden?
Am wichtigsten ist die Anerkennung ausländischer Diplome. Die Schweiz hat einen Fachkräftemangel, und eine Verbesserung dieses Systems wäre für alle Seiten sinnvoll. Es gibt viele Ideen und Konzepte zur schnelleren Integration von Migrantinnen und Migranten. Doch ohne zusätzliche Finanzierung bleibt ihre Wirkung begrenzt.
Hat sich Ihr Blick durch den Eintritt in die Politik verändert?
Ich habe gelernt, dass politische Veränderungen sehr viel Zeit brauchen und ohne Mehrheiten nichts möglich ist. Auf Gemeindeebene sind die Handlungsmöglichkeiten begrenzt, auf Kantonsebene etwas grösser, aber die wichtigsten Entscheidungen werden auf nationaler Ebene getroffen. Zudem gibt es politische Mehrheitsverhältnisse, die viele Ideen schlicht nicht zulassen. Besonders beschäftigt mich die Situation in Ausschaffungszentren, in denen Menschen – teilweise auch Kinder – über Jahre leben müssen. Ich halte das für unmenschlich und nicht vereinbar mit den Werten der wohlhabenden Schweiz. Ich bin überzeugt, dass man sich eines Tages dafür entschuldigen wird, so wie bereits für andere dunkle Kapitel der Geschichte. Ein Beispiel ist die Praxis der Verdingkindern, Müttern ihre Kinder wegzunehmen, wenn diese ausserhalb der Ehe geboren wurden, arm waren oder als „unmoralisch“ galten. Diese Praxis endete in den 1970er-Jahren. 2013 entschuldigte sich der Schweizer Bundesrat offiziell bei den Betroffenen, zudem wurden Entschädigungsfonds und Forschungsprogramme eingerichtet. Das zeigt: Solche Veränderungen brauchen Zeit und Beharrlichkeit. Aber ich hoffe, dass es in Zukunft anders sein wird.