Nach Materialien eines Webinars der Community „Ukrainerinnen in Bern“ und der USB-Assoziation
Der Schweizer Arbeitsmarkt gehört zu den wettbewerbsintensivsten der Welt. Hierher kommen die besten Fachkräfte aus der gesamten EU und darüber hinaus – angezogen von einem der höchsten Lohnniveaus weltweit. Und genau deshalb reicht es hier nicht aus, einfach seinen Lebenslauf an Hunderte von Stellen zu verschicken. Darüber sprach offen Iryna Perov, Business-Analystin im öffentlichen Sektor der Schweiz, während eines kürzlichen Webinars für die ukrainischsprachige Community. Ihre Erfahrung – ebenso wie die anderer Teilnehmender – bildet die Grundlage dieses praktischen Leitfadens. Hier sind die wichtigsten Punkte.
Der Schweizer Arbeitsmarkt ist nicht das, was er zu sein scheint
Das Erste, was man verstehen sollte: 60–70 % der Stellen in der Schweiz werden nie öffentlich ausgeschrieben. Sie werden über Empfehlungen, direkte Kontakte und interne Netzwerke besetzt, noch bevor sie auf Plattformen erscheinen. Die meisten Bewerbenden konkurrieren nur um die 30–40 % der Positionen, die auf Jobs.ch oder Indeed veröffentlicht werden – und wundern sich, warum sie keine Rückmeldungen erhalten. Iryna verschickte innerhalb von sechs Monaten rund 100 Bewerbungen. Das Ergebnis: fünf Einladungen zu Vorstellungsgesprächen und ein Angebot. Das ist die Realität des offenen Marktes. Aber es gibt auch einen anderen Weg.
„Vitamin B“ – ohne geht es nicht
In der Schweiz gibt es einen halb scherzhaften Begriff – „Vitamin B“ (von Beziehungen). Genau diese Kontakte besetzen die meisten versteckten Stellen. Es gibt mehrere bewährte Wege, Zugang zum verdeckten Arbeitsmarkt zu bekommen. Networking ist die Grundlage: Besuchen Sie Karrieremessen, zum Beispiel Talento, und fügen Sie neue Kontakte sofort auf LinkedIn hinzu. Das Schweizer Umfeld ist formell, aber offen – eine direkte, höfliche Ansprache wird gut aufgenommen. Auch Cold Outreach funktioniert: Finden Sie auf LinkedIn die Leitung einer Abteilung (nicht nur HR) und schreiben Sie kurz, wer Sie sind, welchen Mehrwert Sie bringen und warum Sie sich genau an diese Person wenden. Bitten Sie nicht sofort um eine Stelle – bauen Sie zuerst Kontakt auf.
Ein weiteres Instrument ist die Initiativbewerbung: die direkte Kontaktaufnahme mit einem Unternehmen, das Sie interessiert, auch wenn es keine offenen Stellen gibt. Viele Schweizer Unternehmen laden auf ihren Webseiten ausdrücklich dazu ein. Schließlich lohnt es sich, sich bei Recruiting-Agenturen zu registrieren – Randstad, Univativ, Wilhelm –, da diese Zugang zu nicht veröffentlichten Stellen und direkte Kontakte zur Unternehmensleitung haben. „Ich habe meine ersten zwei Jobs über Recruiting-Agenturen gefunden und einen durch direkte Kontaktaufnahme mit einem Unternehmen. Das ist absolut möglich – aber man muss systematisch, geduldig und beharrlich mit dem Markt arbeiten“, sagt Iryna Perov.
Lebenslauf: Was funktioniert – und was nicht
Schweizer Arbeitgeber erwarten ein klares Format. Der Lebenslauf sollte nicht länger als zwei Seiten sein – mehr liest niemand. Ein professionelles Foto ist Pflicht: Das ist Standard, keine Ausnahme. Senden Sie Ihre Unterlagen nur als PDF, keine Word-Dokumente. Geben Sie Ihren Aufenthalts- und Arbeitsstatus an (z. B. C-Bewilligung, B-Bewilligung) – das beseitigt sofort Unsicherheiten beim Arbeitgeber. Und erklären Sie alle Lücken, die länger als sechs Monate dauern. Für diejenigen, die 2022 angekommen sind, ist die Formulierung „Sprachkurse, Integrationsprogramm und Eingewöhnung in der Schweiz“ eine völlig überzeugende Erklärung.
Die wichtigste Regel: Passen Sie Ihren Lebenslauf an jede Stelle an. Verwenden Sie Schlüsselwörter direkt aus der Stellenausschreibung. Große Unternehmen filtern Bewerbungen automatisch – fehlen die richtigen Begriffe, wird kein Mensch Ihren Lebenslauf sehen. „Ich habe monatelang denselben Lebenslauf überallhin geschickt und keine Antworten bekommen. Sobald ich ihn angepasst habe, kamen die Einladungen zu Gesprächen“, berichtet eine Teilnehmerin des Webinars.
Motivationsschreiben: Wenn es alles entscheidet
Motivationsschreiben werden seltener gelesen als früher. Aber wenn sie gelesen werden, sind sie entscheidend. Ein schwaches Schreiben kann einen starken Lebenslauf entwerten. Sprechen Sie zunächst eine konkrete Person an – schreiben Sie niemals „Sehr geehrte Damen und Herren“. Finden Sie den Namen der verantwortlichen Person auf LinkedIn oder auf der Website des Unternehmens. Beginnen Sie mit einem starken Einstieg: nicht „Hiermit bewerbe ich mich…“, sondern mit einem konkreten Grund, warum genau dieses Unternehmen oder diese Rolle für Sie wichtig ist. Beschreiben Sie Handlungen statt Eigenschaften: nicht „verantwortungsbewusst und motiviert“, sondern „ich habe umgesetzt“, „ich habe geleitet“, „ich habe X um Y % reduziert“. Und schließen Sie selbstbewusst – statt „Ich würde mich freuen…“ schreiben Sie: „Ich freue mich darauf, meine Kompetenzen in einem persönlichen Gespräch näher darzustellen.“
Der Bewerbungsprozess: Was Sie erwarten können
Die meisten Unternehmen antworten innerhalb von zwei Wochen – entweder mit einer Einladung oder einer Absage. Nach zwei Wochen ohne Rückmeldung ist eine Absage wahrscheinlich – dennoch sollten Sie sich kontinuierlich weiter bewerben, ohne auf Antworten zu warten. Wenn Sie die letzte Runde erreicht haben und eine unklare Absage erhalten – rufen Sie direkt im Unternehmen an (schreiben Sie keine E-Mail) und bitten Sie höflich um konkretes Feedback. Am Telefon geben Recruiter oft ehrlichere Antworten als schriftlich.
Fazit
Die Jobsuche in der Schweiz ist selbst ein Job. Sie belohnt diejenigen, die strukturiert, beharrlich und strategisch vorgehen – nicht nur diejenigen, die viele Bewerbungen verschicken. Sie sind nicht einfach ein Kandidat. Sie sind eine Lösung für ein Unternehmen. Beginnen Sie genau damit.