Integration als gemeinsame AufgabeWie in Basel ein neuer Ansatz im Umgang mit Migrant:innen entsteht

In Basel wird Integration zunehmend nicht mehr als Dienstleistung oder als Bündel von Maßnahmen für Neuankommende verstanden, sondern als gemeinsame Praxis. Sie wird immer weniger als einseitige Hilfe wahrgenommen und immer mehr als ein gemeinsamer Weg von Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen. Trotz kultureller Unterschiede verbindet Migrant:innen ein ähnlicher Anpassungsprozess: die Suche nach dem eigenen Platz, das Verständnis für die Regeln der neuen Gesellschaft und der Wunsch, einen Beitrag zu leisten.

Genau in diesem Kontext kommen junge Menschen mit Migrationserfahrung nicht zusammen, um „integriert zu werden“, sondern um mitzuwirken – zu initiieren, zu gestalten und gemeinsam etwas zu schaffen.

Auf diesem Verständnis basiert die Jugendplattform U.integration bei der USB Association, finanziert von Catapult Basel. Sie vereint junge Migrant:innen aus verschiedenen Ländern, die bereits einen Teil ihres Integrationsweges gegangen sind und bereit sind, ihre Erfahrungen, Unterstützung und Kontakte mit anderen zu teilen.

Das ist keine Geschichte über Hilfe. Das ist eine Geschichte über Präsenz.

Warum Basel

Basel ist eine der internationalsten Städte der Schweiz – gelegen am Schnittpunkt von drei Ländern, Sprachen und sozialen Kontexten. Ein großer Teil der Bevölkerung hat Migrationserfahrung, was die Stadt offen und vielfältig macht, zugleich aber auch anspruchsvoll für den alltäglichen Einstieg.

Trotz einer gut ausgebauten Unterstützungsinfrastruktur stehen junge Migrant:innen häufig vor fragmentierten städtischen Strukturen und einem Mangel an informellen Räumen für Austausch. Gerade in diesem Umfeld wird das Bedürfnis spürbar, nicht nur anzukommen, sondern teilzuhaben Beziehungen aufzubauen, den lokalen Kontext zu verstehen und sich der Stadt zugehörig zu fühlen.

Gemeinsame Erfahrung als Ankerpunkt

Vor dem Start der Plattform führte das Team 22 Interviews mit jungen Migrant:innen. Die Untersuchung zeigte: Trotz unterschiedlicher Kulturen und Hintergründe gibt es eine starke Verbindung zwischen den Menschen, die aus der gemeinsamen Migrationserfahrung entsteht.

Gleichzeitig verleiht gerade die Vielfalt dieser Erfahrungen der Community eine neue Qualität. Manche kamen wegen des Krieges, andere wegen Ausbildung oder Arbeit, einige lebten bereits in mehreren Ländern. Die Verbindung dieser Perspektiven ermöglicht ein tieferes Verständnis der Herausforderungen von Integration und schafft ein Umfeld gegenseitiger Unterstützung und Vernetzung.

Wie die Koordinatorin und Marketingverantwortliche von U.integration, Anastasiia Zaria, erklärt: „Das war ein entscheidendes Argument für die Schaffung eines Umfelds, in dem Migrant:innen sich nicht nur anpassen, sondern sich auch verwirklichen können.“

Von Hilfe zu Teilhabe

Eine weitere wichtige Dimension der Plattform ist die lebendige Kommunikation zwischen Menschen, die nicht auf einzelne Veranstaltungen oder Formate beschränkt bleibt. Darauf weist Prerna Duhan, verantwortlich für Projektmanagement und Medienkommunikation, hin: „Dieses Projekt hilft wirklich der Kommunikation zwischen Menschen. Аuch mir persönlich.“

Für Prerna, die in mehreren Ländern gelebt hat und über langjährige Migrationserfahrung verfügt, ist es besonders wichtig, dass die Plattform Online-Sichtbarkeit mit realer Interaktion verbindet. Die sozialen Netzwerke und Medienkanäle von U.integration geben Migrant:innen eine Stimme und machen den Integrationsprozess für ein breiteres Publikum verständlich. Gleichzeitig sind sie kein Selbstzweck.

Im Zentrum des Projekts stehen persönliche Treffen, gemeinsame Veranstaltungen und konkrete Initiativen. Die Teilnehmenden kommen regelmäßig offline zusammen, arbeiten an Ideen, starten Projekte und bewerben sich um Fördergelder. Medien sind hier lediglich ein Werkzeug – getragen von umfangreicher organisatorischer und gemeinschaftlicher Arbeit.

Workshops und Mentoring-Formate helfen nicht nur dabei, Geschichten zu teilen, sondern auch praktische Lösungen zu entwickeln, die die Anpassung an die Schweizer Gesellschaft erleichtern. Genau hier hört Integration auf, abstrakt zu sein, und wird Teil des Alltags.

Freiwilligenerfahrung: ein Blick von innen

An der Arbeit der Plattform beteiligen sich aktiv Freiwillige mit ganz unterschiedlichen Hintergründen. Anna Sliunchenko, die zuvor mit mehreren freiwilligen Organisationen in Basel zusammengearbeitet hat, hebt den Unterschied dieses Ansatzes hervor: „Ich habe viele Initiativen gesehen, bei denen Freiwillige klar definierte Aufgaben übernehmen, aber nicht in Entscheidungsprozesse eingebunden sind. Hier ist es anders: Man wird gehört, man bekommt Vertrauen, und man fühlt Verantwortung für das gemeinsame Ergebnis.“

Diese Erfahrung zeigt, dass Engagement bei U.integration kein formales Ehrenamt ist, sondern eine echte Einbindung in einen Prozess, in dem jeder Beitrag zählt.

Für Veronika Kapshukova, die noch eine weiterführende Schule besucht, wurde die Plattform zur ersten ernsthaften Erfahrung zivilgesellschaftlicher Beteiligung: „Für mich ist das eine Möglichkeit zu verstehen, wie Projekte von innen funktionieren. Ich lerne Organisation, Kommunikation und Verantwortung. Das ist in so einem frühen Stadium unglaublich wertvoll.“

Die frühe Einbindung junger Menschen in solche Initiativen fördert nicht nur praktische Kompetenzen, sondern auch das Gefühl der Zugehörigkeit zur Stadt und ihren Prozessen.

Integration als beschleunigter Prozess der Teilhabe

Die Verbindung unterschiedlicher Erfahrungen, strukturierter Arbeit und lebendiger Interaktion ermöglicht es der Plattform U.integration, die Integration junger Migrant:innen in die Schweizer Gesellschaft zu beschleunigen. Menschen finden sich schneller in Systemen zurecht, knüpfen Kontakte, verstehen den lokalen Kontext und fühlen sich als Teil einer Gemeinschaft.

Integration bedeutet hier weder Assimilation noch Wohltätigkeit, sondern Zusammenarbeit. Migrant:innen werden zu Partner:innen füreinander und für die Stadt und verwandeln ihre eigenen Erfahrungen in eine Ressource für Entwicklung.

In Basel verändert dieser Ansatz leise das Narrativ. Integration bedeutet nicht mehr, sich der Stadt anzupassen.
Sie bedeutet, zu ihr beizutragen. Und zu verstehen, dass man sich gemeinsam mit der Stadt verändert, während man sie mitgestaltet.

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