Moses Mekonnen über Migration, Würde und Kinder mit Migrationsgeschichte:„Wir sind nicht Teil des Problems – wir sind Teil der Lösung“

Text: Svitlana Prokopchuk

Moses Mekonnen lebt seit Ende 2014 in der Schweiz. Er hat den Weg vom Asylsuchenden zum Mitbegründer einer Plattform zurückgelegt, die als „Flüchtlingsparlament“ bekannt ist. Seine Stimme ist ruhig, argumentiert und klar in ihrer Haltung. Im Zentrum seiner Arbeit stehen heute Kinder aus Migrantenfamilien. Mekonnen ist Co-Leiter für Kinderrechte im Flüchtlingsparlament der Schweiz und lebt in Luzern. Wir haben mit ihm über seinen Weg, Identität, Gleichberechtigung und darüber gesprochen, warum Veränderungen nicht mit lauten Parolen beginnen, sondern mit Dialog.

„Man spricht über uns, aber wichtig ist, mit uns zu sprechen“

— Moses, wenn wir an den Anfang zurückgehen. 2014 bist du in die Schweiz gekommen. Neue Umgebung, neue Sprache. Was war am schwierigsten?

— Am schwierigsten war nicht nur die Sprache. Es war das Gefühl der Unsichtbarkeit. Wenn du physisch im Land bist, aber politisch irgendwie außerhalb davon. Über Menschen mit Migrationsgeschichte wird viel gesprochen. Aber sehr selten fragt man: Was denkt ihr? Integration bedeutet oft: Du musst dich anpassen. Teilhabe bedeutet: Du hast eine Stimme. Wir können ohne Staatsbürgerschaft keine Abgeordneten sein. Aber das heißt nicht, dass wir kein Recht auf eine Meinung haben. Und wenn Demokratie Dialog ist, kann es nicht sein, dass ein Teil der Menschen automatisch davon ausgeschlossen wird. So entstand die Idee einer Plattform – des „Migrant*innenparlaments“. Nicht als Protest, sondern als Einladung zum Gespräch.

— Du sprichst sehr vorsichtig, ohne Konfrontation. Ist das eine bewusste Haltung?

— Ja. Denn Konfrontation schließt schnell Türen. Wir sind keine Gegner der Gesellschaft. Wir sind Teil von ihr. Wenn wir mit Kampf beginnen, verlieren alle. Wenn wir mit Dialog beginnen, haben wir gemeinsam die Chance zu gewinnen.

„Gleichheit ist kein Privileg, sie ist die Norm“

— Du betonst oft die Gleichheit. Doch Gleichheit im Kontext von Migration ist ein komplexes Thema.

— Gleichheit bedeutet nicht Gleichförmigkeit. Es geht um gleiche Würde. Kinder sind der sensibelste Indikator dafür, wie gerecht eine Gesellschaft ist. Wenn ein Kind weniger Möglichkeiten hat – nur wegen des Status seiner Eltern – ist das ein Signal. Formal sind Kinderrechte geschützt. Aber das Leben ist nicht immer formal. Wenn eine Familie in Unsicherheit lebt, wenn finanzielle Ressourcen begrenzt sind, wenn Eltern Angst vor der Zukunft haben, wirkt sich das auf das Kind aus. Und dann stellt sich die Frage: Sehen wir das Kind als Träger von Potenzial – oder als Anhängsel eines Migrationsverfahrens? Teilweise spreche ich hier von der Differenz zwischen Recht und Praxis. Aber entscheidend ist die Verantwortung der Erwachsenen. Denn ein Kind wählt nicht, wo es geboren wird. Aber wir entscheiden, wie wir ihm begegnen.

„Die Sandwich-Generation ist keine Schwäche, sondern eine Chance“

— Du nennst Kinder von Migrant*innen die „Sandwich-Generation“. Ist das eher eine Krise oder eine Ressource?

— Beides ist möglich. Sie stehen zwischen zwei Kulturen, manchmal zwischen zwei Sprachen, manchmal sogar zwischen zwei Wertesystemen. Das kann innere Konflikte oder Unsicherheit in der Selbstidentifikation erzeugen. Aber wenn die Gesellschaft unterstützt, wenn die Schule Mehrsprachigkeit als Stärke anerkennt, wenn Eltern nicht in ständiger Angst leben, dann wird die Multikulturalität eines Kindes zum Vorteil. Diese Kinder können Welten verbinden. Sie sind flexibel, anpassungsfähig. In einer globalen Welt ist das eine Kompetenz – kein Problem. Eine doppelte Identität ist keine Tragödie. Zur Tragödie wird Isolation.

„Ohne Ressourcen bleiben gute Absichten Absichten“

— Du hast finanzielle Schwierigkeiten im Flüchtlingsparlament erwähnt. Inwiefern bremst das eure Arbeit?

— Sehr. Man kann Ideen haben, Motivation haben. Aber ohne Ressourcen ist es schwierig, Bildungsangebote zu organisieren, Expertinnen und Experten einzuladen oder stabile Strukturen aufzubauen. Kinder sind unsere Zukunft, und die Unterstützung solcher Initiativen sollte nicht zufällig, sondern nachhaltig sein.

„Wir sind Teil der Lösung“

— Du wiederholst oft den Satz: „Wir sind nicht Teil des Problems – wir sind Teil der Lösung.“ Warum ist er dir so wichtig?

— Weil Narrative eine große Rolle spielen. Wenn man ständig hört, Migration sei ein Problem, beginnen Menschen zu glauben, dass sie selbst das Problem sind. Das ist gefährlich – vor allem für die soziale Stabilität. Wer sich unerwünscht fühlt, übernimmt keine Verantwortung. Wer aber als Teil der Gesellschaft anerkannt wird, möchte einen Beitrag leisten. Vertrauen funktioniert in beide Richtungen. Wir vertrauen der Gesellschaft – und die Gesellschaft vertraut uns.

„Die Zukunft ist ein gemeinsames Projekt“

— Welche Zukunft wünschst du dir für Kinder aus Migrantenfamilien?

— Eine Zukunft, in der man sie nicht fragt: „Woher kommst du wirklich?“, sondern: „Was kannst du?“ Eine Zukunft, in der ihre Mehrsprachigkeit ein Vorteil ist – kein Verdacht. Aber das geschieht nicht automatisch. Es ist das Ergebnis politischer Entscheidungen, Bildungspolitik und medialer Diskurse.

— Du klingst wie ein Politiker.

— (lächelt) Ich nehme das als Kompliment. Aber ich bin kein Berufspolitiker. Ich bin ein Mensch mit Migrationserfahrung. Und diese Erfahrung hat mich gelehrt: Entweder bauen wir eine Brücke – oder wir bauen eine Mauer. Ich entscheide mich immer für die Brücke.

Foto: Halyna Khramova

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