Ideen, die Gestalt annehmen: Wie ukrainische Frauen in der Schweiz neue berufliche Geschichten schreiben

Text: Svitlana Prokopchuk

Wenn ein Mensch das Land wechselt, ändert er nicht nur seine Adresse. Er ändert seinen Lebensrhythmus, seinen Bekanntenkreis und seine berufliche Orientierung. Doch zusammen mit den Herausforderungen kommen neue Möglichkeiten – die Chance, neue Ideen, neue berufliche Geschichten und sogar neue Formen des sozialen Unternehmertums zu schaffen.

Genau aus dieser Idee heraus entstand das Projekt zur Unterstützung von bürgerschaftlichem Engagement und sozialem Unternehmertum «Gesellschaftliches Engagement für geflüchtete Frauen», das auf der Plattform United for Support and Belonging (USB) in Bern ins Leben gerufen wurde. Sein Ziel ist es, ukrainischen Frauen mit Fluchterfahrung zu helfen, ihr berufliches Vertrauen zurückzugewinnen, eigene Ideen zu entwickeln und kleine soziale oder unternehmerische Initiativen in den Gemeinden, in denen sie leben, umzusetzen. Das Projekt basiert auf der einfachen Idee: Integration wird erst dann real, wenn ein Mensch die Möglichkeit hat, sich nicht nur an eine neue Gesellschaft anzupassen, sondern auch einen eigenen Beitrag zu deren Entwicklung zu leisten.

Im Rahmen des Programms hat eine Gruppe ukrainischer Frauen den Weg von ersten Entwürfen bis hin zu eigenen Projekten zurückgelegt. Dies war nicht nur eine Serie von Trainings. Es war ein Prozess der Suche, des Zweifels, der gegenseitigen Unterstützung und schließlich des Glaubens an die eigene Kraft. Seit Sommer 2025 wird das Projekt vom Zonta Frauenclub und der Reformierten Kirche Bern-Jura-Solothurn unterstützt, die die Entwicklung von Initiativen für soziales Unternehmertum und die gesellschaftliche Integration von Frauen mit Migrationshintergrund fördern.

Warum der Bedarf an einem solchen Projekt entstand

Die Idee für das Projekt entstand aus der praktischen Erfahrung in der Arbeit mit ukrainischen Frauen, die versuchen, sich in einer neuen Gesellschaft zu integrieren. «Unter den Ukrainerinnen gibt es sehr viele kompetente Menschen mit großer Berufserfahrung und Ambitionen zur Selbstverwirklichung. Aber sie können sich hier nicht immer verwirklichen – aufgrund mangelnder Kenntnisse des Systems, Schwierigkeiten bei der Legalisierung sozialer Projekte oder Selbstständigkeit oder einfach aus Unsicherheit, ob ihre Idee in der Schweiz funktionieren wird», sagt die Projektkoordinatorin und Integrationscoach Svitlana Manser.

Viele Frauen arbeiteten in der Ukraine in privaten Unternehmen, hatten ein eigenes Geschäft oder begannen dieses gerade zu Beginn des Krieges. Manche mussten sich beruflich komplett neu orientieren. In der Schweiz sind viele gezwungen, mit einer Arbeit zu beginnen, die weit von ihrer bisherigen beruflichen Erfahrung entfernt ist. Genau deshalb entstand der Bedarf an einem Raum, in dem man seine Idee ohne Risiko testen, Wissen und Unterstützung erhalten kann. «Wir wollten ein Umfeld schaffen, in dem Frauen ihre Idee formulieren, ihre Stärken und Schwächen verstehen und schrittweise mit der Umsetzung beginnen können», erklärt Manser. Das Projekt bestand aus mehreren Phasen: Befragung und Auswahl der Teilnehmerinnen, eine Serie von Trainingsspielen, Lerneinheiten, Mastermind-Treffen und die abschließende Präsentation der Projekte. Insgesamt nahmen mehr als fünfzig Frauen an der Befragung teil, und fünfzehn Teilnehmerinnen wurden für das Hauptprogramm ausgewählt, von denen zwei Drittel den Kurs erfolgreich abgeschlossen haben.

Zehn Projekte erhielten Unterstützung in Bern und entwickeln sich derzeit aktiv weiter.

Darunter sind: ein Fotostudio, Kerzenherstellung, Design- und Marketingdienstleistungen, ein pädagogisches Kunststudio, eine Kreativwerkstatt, ein Tanzstudio, Beratungsdienstleistungen in verschiedenen Bereichen, etc. Für einige Teilnehmerinnen wurden diese Ideen zu den ersten Schritten in die Selbstständigkeit. Andere stellten fest, dass es für sie in dieser Phase besser ist, in einem Angestelltenverhältnis zu arbeiten – auch das ist ein wichtiges Ergebnis. Wenn ein Mensch versteht, wohin die Reise geht, entstehen Stabilität und Selbstvertrauen. Und das ist bereits der halbe Erfolg, fügt Svitlana Manser hinzu.Die Erfahrung des Programms zeigt, dass selbst eine geringe Startunterstützung – Mentoring, Ausbildung und Mikrofinanzierung – Menschen helfen kann, Ideen in reale Initiativen umzusetzen, die sowohl den Teilnehmerinnen selbst als auch den lokalen Gemeinschaften zugutekommen.

Ein Raum, in dem Frauen lernen, über sich selbst zu sprechen

Eine der Mentorinnen des Projekts war Lili Bauer, eine erfahrene Coachin und Kommunikationstrainerin. Für mich war das eine sehr interessante Erfahrung, weil hier so viele aussergewöhnlich talentierte Menschen zusammengekommen sind. Viele haben neue Möglichkeiten für sich entdeckt und darin Inspiration gefunden, erzählt sie. Laut Bauer bleibt eines der Haupthindernisse für viele Frauen die Unfähigkeit, über ihre eigenen Leistungen zu sprechen.

Wir wurden lange Zeit darauf getrimmt, in Kategorien des Wir zu denken: Team, Kollektiv, Schule. Aber ich wollte ihnen sagen: Du bist das Zentrum deines Universums. Und genau aus dieser Position heraus solltest du über dein Talent sprechen und über das, was du tust. Besonders beeindruckt war Lili davon, dass die Teilnehmerinnen selbst nach schwierigen Lebensprüfungen den Wunsch zu kreieren und voranzukommen nicht verloren haben. Sie haben viele Schwierigkeiten überwunden, aber den Funken nicht verloren. Man musste ihnen nur helfen zu verstehen, wie sie diesen Funken bewahren und der Welt zeigen können, fügt sie hinzu.

Von der Idee zum ersten Schritt

Für Olena Nikolaieva war die Teilnahme am Programm der Anstoss für die Entwicklung ihrer Kerzenmarke Palae. Ich bin den Organisatoren des Projekts sehr dankbar für die Möglichkeit, praktisches Wissen und Unterstützung bei der Umsetzung meines Geschäfts zu erhalten. Besonders wertvoll war für mich die Teamarbeit, erzählt sie. Während der Ausbildung konnte Olena ihre Pläne klar definieren, eine Strategie zur Markenentwicklung erstellen und Prioritäten für deren schrittweise Umsetzung festlegen.

Dank der Unterstützung des Projekts, das Ausrüstung, Räumlichkeiten und einen Vorschuss für den Materialeinkauf bereitstellte, führt Olena bereits aktiv Workshops zur Kerzenherstellung durch, kreiert Kerzen für den saisonalen Verkauf und baut das Marketing der Marke Palae aus. Ihre Workshops werden allmählich nicht nur zu einer kreativen Tätigkeit, sondern auch zu einer Form der lokalen Interaktion und des kulturellen Austauschs, die Menschen aus verschiedenen Gemeinschaften anzieht.

Von Zweifeln zu Selbstvertrauen

Für die Fotografin Galyna Khramova wurde diese Erfahrung zu einer wichtigen Etappe ihrer persönlichen Entwicklung. „Fotografie war für mich ein Hobby – ich wurde als freiwillige Fotografin zu verschiedenen Veranstaltungen eingeladen. Ich hätte nicht gedacht, dass ich so schnell auf ein semiprofessionelles Niveau aufsteigen würde“, erzählt sie. Die Ausbildung half ihr dabei, ihre Ideen zu strukturieren und die weiteren Schritte festzulegen.

„Dieses Projekt wurde für mich zu einer Stütze und Unterstützung. Ich habe gemerkt, dass ich auf dem richtigen Weg bin, bin selbstbewusster geworden und weiss, wie ich meine Strategie Schritt für Schritt umsetzen kann.“ Dank des Programms konnte Galyna ihre Fotoausrüstung aktualisieren, ihre Präsenz in den sozialen Netzwerken ausbauen, Empfehlungen erhalten und zusätzliche Fotografie-Kurse absolvieren.

Wenn Ideen zum Team werden

Für die IT-Spezialistin und Fotografin Liuba Kulyk waren die neuen beruflichen Verbindungen der Hauptwert des Projekts. „In erster Linie ist es das Kennenlernen von wunderbaren, talentierten Frauen, ein kreativer und professioneller Verbund, Karriereperspektiven und natürlich Unterstützung“, erzählt Kulyk. Genau hier entstand die Idee, gemeinsam mit der Marketingexpertin Mariia Baldina und der Designerin Svitlana Bielova ein gemeinsames Marketingprojekt zu gründen. So entstand der Marketing-Hub MitU, der bereits erste Kunden hat und dabei hilft, Marken kleiner Unternehmen zu entwickeln.

Integration, die mit Vertrauen beginnt

Die Geschichten dieser Frauen zeigen: Integration bedeutet nicht nur Sprache, Dokumente oder Arbeit. Es ist auch die Möglichkeit, die eigene Erfahrung einzubringen, ein neues berufliches Umfeld zu finden und zu spüren, dass das eigene Talent von Bedeutung ist. „Ich lebe seit über fünfundzwanzig Jahren in der Schweiz und sehe, dass echte Integration dann stattfindet, wenn ein Mensch sich nicht nur an eine neue Umgebung anpassen kann, sondern auch etwas Eigenes einbringt – seine Ideen, Erfahrung und Energie“, sagt die Geschäftsführerin von USB, Olena Krylowa-Müller.

Ihren Worten zufolge basiert der Ansatz von USB darauf, Bedingungen zu schaffen, unter denen Menschen von der Rolle der Hilfeempfänger zu aktiven Teilnehmern am sozialen und wirtschaftlichen Leben übergehen können. „Unsere Erfahrung zeigt, dass selbst eine kleine Unterstützung zu Beginn den Lebensweg verändern kann. Wenn Menschen die Möglichkeit erhalten, ihre Ideen zu testen, beginnen sie, ihre Zukunft in einem neuen Land zu sehen, und werden zu einem aktiven Teil der lokalen Gemeinschaften“, fügt Krylowa-Müller hinzu. Die Erfahrung dieses Programms zeigt, dass solche Initiativen als effizientes Integrationsmodell funktionieren können. Die Kombination aus Ausbildung, Mentoring, einer kleinen Startunterstützung und professionellen Netzwerken schafft Bedingungen, unter denen Ideen schnell zu realen Projekten werden. Ein solcher Ansatz kann auch in anderen Städten und Gemeinden angewendet werden.

Aus solchen kleinen Schritten – Ideen, Vertrauen und Zusammenarbeit – bildet sich allmählich eine neue berufliche Geschichte ukrainischer Frauen in der Schweiz. Und das vielleicht Wichtigste in diesem Prozess ist, dass immer Menschen in der Nähe sind, die bereit sind zu sagen: Deine Idee ist es wert, verwirklicht zu werden.

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