Sofia Ogagifo: „Ich habe das Recht, das zu tragen, was ich möchte»

Text: Svitlana Prokopchuk

Sie ist 17 Jahre alt, kommt aus Kyjiw und hat Erfahrungen hinter sich, die viele Erwachsene nicht ausgehalten hätten. Sofia Ogagifo lebt im Kanton Zürich und schließt in diesem Jahr ein zusätzliches Schuljahr in der Schweiz ab. Ab August beginnt sie ihre Lehre im Zoo Zürich. Doch der Weg dorthin war lang — durch Spott, Tränen, Absagen und ein eigenes Projekt, das ihr zum Halt wurde.

Rassismus und Diskriminierung: „Hier habe ich es viel stärker gespürt als in der Ukraine»

Sofias Vater stammt aus Nigeria, und wegen ihrer Hautfarbe ist sie schon seit früher Kindheit mit Vorurteilen konfrontiert. „Mit dem Thema Rassismus bin ich ziemlich oft in Berührung gekommen, schon als Kind in der Ukraine. Es gab viele Witze, viel Diskriminierung. Irgendwie hatte ich mich daran gewöhnt — so traurig das auch klingt», sagt sie.

Die Schweiz überraschte sie jedoch in die entgegengesetzte Richtung. Trotz ihres Rufs als tolerantes Land hatte sie es hier schwerer. Mitschülerinnen und Mitschüler lachten über ihre Aussprache, machten Bemerkungen über ihre Hautfarbe, und manche riefen ihr sogar prorussische Parolen hinterher. „Viele Menschen sagen, die Schweiz sei ein Land ohne jeglichen Rassismus. Das stimmt nicht. Hier bin ich ihm viel stärker begegnet als in der Ukraine», sagt Sofia direkt.

Besonders schmerzhaft war ein Detail — ein T-Shirt mit der Aufschrift „I am Ukrainian». Genau das wurde am häufigsten zum Ziel von Spott. „Ich habe deswegen fast jeden Tag geweint. Auch wenn ich den Krieg nicht so gespürt habe wie die Menschen, die noch dort leben — ich stehe trotzdem zu meinem Land, und dieses Thema tut sehr weh.» Dennoch trug Sofia das T-Shirt weiterhin: „Ich habe das Recht, das zu tragen, was ich möchte.»

Das Flugzeug „Mrija»: „Ich werde sie neu bauen»

Jedes Jahr setzen Schülerinnen und Schüler in der Schweiz am Ende ihrer Schulzeit ein eigenes Projekt um. Für Sofia wurde das zur Gelegenheit, das zu sagen, worüber sie nicht schweigen wollte — die Welt daran zu erinnern, dass in der Ukraine Krieg herrscht.

Zunächst dachte sie daran, ein Modell der Sophienkathedrale zu bauen. Doch sie erkannte, dass ihr dafür die Zeit fehlen würde. Dann kam eine andere Idee — das Flugzeug „Mrija». Ein Symbol, das die ganze Welt kennt. Ein Symbol, das bombardiert wurde. Vier Monate lang arbeitete sie zu Hause an dem Modell, da es zerbrechlich und groß war. Die Lehrerin gab ihr die Erlaubnis dazu. Am Ende des Schuljahres fand eine Ausstellung für Eltern und Gäste statt. Und genau dort begegnete Sofia wieder dem, was sie nicht mehr überraschte — das aber trotzdem schmerzte. Mitschülerinnen und Mitschüler bewegten absichtlich die Flügel des Modells, machten Witze und versuchten, sie aus der Fassung zu bringen. „Ich hatte wirklich Angst, dass die Mrija die Ausstellung im wörtlichen Sinne nicht erleben würde», erinnert sich Sofia.

Aber das Projekt sollte weitergehen. Sofia beschloss, Geld für die Stiftung „Stimme der Kinder» zu sammeln, die ihrer Meinung nach Jugendliche systematisch unterstützt — auch jene, die ins Ausland gegangen sind. Sie wollte einen QR-Code an der Ausstellung aufstellen. Die Klassenlehrerin lehnte ab und nannte es „Politik». Da ging Sofia zur Schulleiterin. Sie erklärte, warum es ihr wichtig war. Diese stimmte nach Rücksprache mit den Stadtbehörden zu. Der QR-Code erschien an der Ausstellung, Menschen kamen, scannten ihn und spendeten. „Ich habe verstanden, dass ich daraus etwas Großartiges machen muss, denn dieses Projekt ist es wirklich wert», fügt das Mädchen hinzu.

Die Lehrstellensuche: „Ich wollte schon aufgeben»

Eine Lehre ist ein obligatorischer Schritt im Schweizer Bildungssystem nach der Schule. Eine zu finden ist selbst für Einheimische nicht einfach. Für Sofia wurde es zu einer echten Bewährungsprobe. „Ich dachte, es würde ziemlich einfach sein. Aber ich stieß auf viele Schwierigkeiten wegen der Sprache. Es war schwer für mich, meine Gedanken auszudrücken, mich gut zu präsentieren. Deswegen bekam ich sehr viele Absagen», erinnert sich Sofia. Sie sah, wie andere zu Vorstellungsgesprächen eingeladen wurden, und fühlte sich als Außenseiterin. Irgendwann dachte sie sogar daran, alles hinzuwerfen und in die Ukraine zurückzukehren. Aber sie gab nicht auf. Sie begann, mehr Bewerbungen zu schicken, sich auch auf Berufe zu bewerben, die sie zuvor nie in Betracht gezogen hatte — Konditorin, Verkaufsberaterin. Schließlich besuchte sie ein zusätzliches Schuljahr, in dem ihr geholfen wurde, sich auf Vorstellungsgespräche vorzubereiten und ihre Unterlagen zusammenzustellen. Und sie fand eine Stelle als Verkaufsberaterin im Zoo Zürich.

Jenen, die diesen Weg gerade beginnen, gibt Sofia konkrete Ratschläge. Erstens: niemals aufgeben. „Es könnte sein, dass du schon direkt neben deiner Lehrstelle stehst — du merkst es nur noch nicht.» Zweitens: sich auch dort bewerben, wo man sich selbst nicht vorstellen kann — ihre eigene Erfahrung bestätigt das. Drittens: sich vor der Entscheidung ehrlich fragen: Bin ich bereit, das drei Jahre lang zu machen? „Nicht nach Schwächen in sich selbst suchen — sondern einfach beschließen, daran zu arbeiten. Perfekte Menschen gibt es nicht», betont Sofia.

Bei Vorstellungsgesprächen, fügt sie hinzu, lohnt es sich nicht, Schwächen zu verbergen — das weckt sofort Misstrauen. Man sollte jedoch immer auch davon sprechen, wie man daran arbeitet. „Das habe ich selbst erlebt. Ich sagte, ich hätte keine Schwächen. Die Firma lehnte mich ab. Da habe ich es verstanden», sagt sie.

Im August beginnt Sofia ein neues Kapitel. Der Zoo, neue Menschen, neue Erfahrungen. Und darüber hinaus — Pläne, nach Kanada zu gehen, eine Sommerschule, Englischunterricht und die Arbeit an sich selbst. Sie will unbedingt an ihrer Emotionskontrolle arbeiten, was in ihrem Beruf als Verkaufsberaterin sehr wichtig ist.

Solche Geschichten gibt es unter jugendlichen Migrantinnen und Migranten tausendfach. Die meisten von ihnen geben keine Interviews und bauen keine „Mrija» aus Karton. Sie versuchen es einfach — jeden Tag, trotz aller Schwierigkeiten, und gehen weiter. Auch das ist es wert, darüber zu schreiben.

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