Eine Reise durch die Sprache: Wenn ein Schloss zum Begegnungsort verschiedener Kulturen wird

Text: Svitlana Prokopchuk

Shukri nimmt ein Blatt Papier und fragt nach deinem Namen. Mit wenigen Handbewegungen schreibt er ihn auf Arabisch, von rechts nach links. Ein vertrautes Wort sieht plötzlich ganz anders aus. So funktionierte am 4. Oktober im Schloss Burgdorf anlässlich des Schweizer Schlössertags das Sprachcafé. Hier konnte man Ukrainisch, Arabisch, Spanisch, Italienisch, Persisch, Hebräisch und Berndeutsch hören. Die Besucherinnen und Besucher kamen an die Tische, stellten Fragen, versuchten, ihre Namen in einer anderen Schrift zu schreiben, übten kurze Dialoge oder hörten einfach zu, wie eine Sprache klingt, die sie bisher nicht kannten. Es war ein Sprachcafé. Kaffee gab es allerdings keinen.

Eine Reise, für die man kein Ticket braucht

Was braucht es, um für ein paar Minuten in einem anderen Land zu sein, ohne Burgdorf zu verlassen? Manchmal genügt es, sich an einen Tisch zu setzen, eine unbekannte Sprache zu hören und zu versuchen, ein paar neue Wörter auszusprechen. Flavia Muscionico, Museumsleiterin des Museum Schloss Burgdorf, erklärt, dass die Idee bewusst für alle zugänglich gestaltet wurde. In der Stadt leben Menschen mit unterschiedlichem sprachlichem und kulturellem Hintergrund. Deshalb muss man, so die Überlegung der Organisatorinnen und Organisatoren, nicht weit reisen, um andere Kulturen kennenzulernen. Es reicht, mit einem Menschen in der eigenen Umgebung ins Gespräch zu kommen. «Wir wollten eine ganz einfache Möglichkeit bieten, in eine Sprache einzutauchen», erklärt Flavia. Die verschiedenen Sprachen wurden von Menschen vorgestellt, die mit dem Museum verbunden sind, sowie von Freiwilligen und Teilnehmenden früherer Projekte.

Ein Name auf Arabisch, ein paar Wörter auf Farsi

Arabisch wurde den Besucherinnen und Besuchern von Shukri Al-Rayyan und Joumana Steif nähergebracht. Joumana erklärt, dass Arabisch von rechts nach links geschrieben wird, das Alphabet 28 Buchstaben umfasst und die meisten davon miteinander verbunden werden. Am meisten faszinierte die Menschen jedoch nicht die Erklärung der Regeln, sondern der Moment, in dem sie ihren eigenen Namen in einer anderen Schrift sahen.

Am Nachbartisch machte Hadi Asadi die Interessierten mit der persischen Sprache, auch Farsi genannt, bekannt. Er zeigte Buchstaben, Wörter, einfache Sätze und Zahlen. «In dreissig Minuten kann man natürlich keine Sprache lernen. Aber ein paar Wörter kann man sich merken», sagt Hadi. Für ein Sprachcafé reicht das völlig aus. Es geht nicht darum, dass jemand nach einer kurzen Begegnung eine neue Sprache sprechen kann. Vielmehr geht es um eine erste Annäherung, um Neugier, die auch nach der Rückkehr nach Hause bleibt.

Sprache als Teil der eigenen Identität

Für diejenigen, die ihre Sprache vorstellten, war es nicht einfach eine Gelegenheit, anderen ein paar Wörter beizubringen. Svitlana Prokopchuk, Medienkoordinatorin bei USB NGO, stellte Ukrainisch vor. Für sie ist Sprache eng mit der eigenen Identität verbunden. «Es hat mich gefreut, dass die Menschen nicht nur aus Interesse an der ukrainischen Sprache zu mir kamen. Sie erzählten auch von der Geschichte der Ukraine und von ukrainischen Schriftstellerinnen und Schriftstellern, die sie kennen», sagt Svitlana.

Beatriz Restrepo stellte Spanisch vor. Sie spricht darüber, wie wichtig es ist, in der Familie die eigene Muttersprache zu sprechen und sie zu bewahren, denn Sprache ist mit der Herkunft und mit dem eigenen Selbstverständnis verbunden. Für Beatriz steht Spanisch für Liebe und Leidenschaft. «Es ist eine Sprache, die es ermöglicht, man selbst zu sein und anderen einen Teil der eigenen Geschichte weiterzugeben», ergänzt sie.

Ähnlich sieht es Martina Bellotto, die Italienisch vorstellte. «Sprache», sagt Martina, «spiegelt den Charakter und die Wurzeln wider.» Sie vermisst Italien und den Ort, aus dem sie stammt, obwohl sie in der Schweiz lebt. Deshalb drehte sich ihre Lektion nicht um Grammatik. Die Teilnehmenden würfelten, stellten sich vor, sprachen über Essen und Wetter, übten, in einem Restaurant etwas zu bestellen, und stellten sich eine Reise nach Italien vor. Die Sprache wurde nicht zum Lernstoff, sondern zu einer Möglichkeit, spielerisch miteinander zu sprechen und zu interagieren.

Berndeutsch als Gefühl von Heimat

Im Sprachcafé gab es auch eine Sprache, die man nicht von weit her mitbringen muss: Berndeutsch. Lilian Schönauer machte die Besucherinnen und Besucher mit dem Berner Dialekt vertraut. «Man kann Hochdeutsch gut beherrschen und trotzdem Schwierigkeiten haben, Berndeutsch zu verstehen. Es lässt sich nur schwer aus einem Lehrbuch lernen. Vieles erschliesst sich erst durch Zuhören und Gespräche», erklärt sie.

Auch Flavia Muscionico spricht über Berndeutsch als Teil ihrer eigenen Identität. Für sie ist es die Sprache, mit der sie aufgewachsen ist und in der sie sich ganz natürlich fühlt. Im Dialekt gibt es Wörter und Ausdrücke, die man nicht übersetzen muss. Sie sind einfach «vertraut». Gleichzeitig erzählt sie von Menschen, die zweisprachig aufgewachsen sind. Sie beobachtet gerne, wie Menschen mitten im Gespräch von einem Dialekt oder einer Sprache in einen anderen wechseln. Für Flavia ist das eine besondere Form des sprachlichen Reichtums.

Sprache kann verbinden, aber auch trennen

Hebräisch wurde im Sprachcafé von Nir Peleg vorgestellt. Seine Sicht auf Sprache unterscheidet sich etwas von derjenigen der anderen. Er stimmt zu, dass es Menschen oft leichter fällt, sich in ihrer Muttersprache auszudrücken und sich wohlzufühlen. Sprache definiert einen Menschen seiner Meinung nach jedoch nicht vollständig. «Im Gegenteil, manchmal können sprachliche Unterschiede auch trennen», sagt Nir. Dieser Gedanke passt besonders gut zur Idee des Sprachcafés. Hier stehen die verschiedenen Sprachen nicht in Konkurrenz zueinander. Sie erklingen einfach nebeneinander.

Keine Angst vor dem Sprechen

Aisa Martinez, Projektleiterin Diversitätsvermittlung am Museum Schloss Burgdorf, deren Muttersprache Englisch ist, spricht über Sprache als Schlüssel zu einem anderen Menschen und einer anderen Kultur. «Schon ein paar Wörter in der Sprache des Landes, das wir besuchen, können das Reiseerlebnis verändern. Sie helfen, Türen zu öffnen, die verschlossen geblieben wären, wenn wir einfach Englisch gesprochen hätten. Dafür muss man sich aber trauen, zu sprechen, auch wenn man das Gefühl hat, alles falsch auszusprechen», sagt Aisa. Fehler gehören zum Lernen dazu, und der Austausch mit Muttersprachlerinnen und Muttersprachlern hilft dabei, Schritt für Schritt sicherer zu werden.

Sprache öffnet die Tür zum anderen Menschen

Das Sprachcafé im Schloss Burgdorf dauerte nur wenige Stunden. In dieser Zeit konnte niemand wirklich eine neue Sprache lernen. Doch man konnte etwas anderes entdecken: dass arabische Buchstaben von rechts nach links geschrieben werden. Wie Spanisch klingt, wenn ein Mensch davon erzählt, für den es die Sprache der Familie ist. Wie Italienisch nach Erinnerungen an die Heimat duften kann. Warum Berndeutsch für manche Menschen zu ihren Wurzeln gehört. Wie die persische Schrift aussieht. Und warum Hebräisch ein Anlass sein kann, darüber zu sprechen, was uns unabhängig von unserer Sprache verbindet. Genau das wünscht sich letztlich auch Nir: «Ich möchte, dass die Menschen einander besser verstehen.»

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