Zuerst zuhören, dann entscheiden: Frauen mit Fluchterfahrung formulieren in Aarau zehn Empfehlungen an die Bildungspolitik

Text: Svitlana Prokopchuk

Am 3. November erzählten Frauen mit Fluchterfahrung in Aarau Politik und Verwaltung, wo genau das System sie aufhält: Kinder, die betreut werden müssen, ein Sprachkurs, den nur der Ehemann erhielt, ein Diplom, das im neuen Land plötzlich nichts mehr wert ist. Das öffentliche Hearing «Bildung öffnet Türen – Chancengleichheit für geflüchtete Frauen» organisierten NCBI Schweiz, das Flüchtlingsparlament und das Flüchtlingsforum.

Integration wird in der Schweiz meist an Sprachzertifikaten und Arbeitsverträgen gemessen. Doch diese Kennzahlen zeigen selten, wer dabei aussen vor bleibt – und warum. Frauen mit Fluchterfahrung überwinden eine doppelte Hürde. Deshalb wurde dieses Gespräch dorthin verlegt, wo man es nicht überhören kann.

Ein Format, in dem Erfahrung zum Argument wird

Ein öffentliches Hearing funktioniert anders als eine gewöhnliche Konferenz oder ein runder Tisch. Hier sprechen nicht Fachleute über Frauen mit Fluchterfahrung – hier erzählen die Frauen selbst. Ihre Geschichten sind keine Illustration für ein Referat, sondern der Ausgangspunkt der gesamten Diskussion.

Zuerst berichten die Frauen von ihren eigenen Erfahrungen: wie sie einen Sprachkurs suchten, wo sie ihre Kinder unterbrachten, wie sie versuchten, ihre Ausbildung anerkennen zu lassen. Danach präsentieren Menschen mit Fluchterfahrung Empfehlungen, die sie im Rahmen gemeinsamer Projekte selbst erarbeitet haben. Erst dann erhält das Podium das Wort. Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, kantonaler Verwaltung, sozialen Organisationen und Praxis antworten nicht auf abstrakte Fragen, sondern auf konkrete Geschichten konkreter Menschen.

Diese Reihenfolge verändert die Dynamik des Gesprächs grundlegend. Persönliche Erfahrung wird zum Argument – und das Argument zur Frage: Wer ist verantwortlich, und was lässt sich schon jetzt ändern?

Wer am Tisch sass

Das Podium bildete die gesamte «Kette» ab – von der Gesetzgebung bis zur täglichen Praxis:

Nadja Fuchs (AMIE-F, SAH Zürich – Mütter in Erstausbildung);
Elvira Hänni (Ecoplan);
Lelia Hunziker (Aargauer Grossrätin);
Sibel Karadas (Integrationsdelegierte des Kantons Aargau und Leiterin der Sektion Integration und Beratung im Amt für Migration und Integration);
Fabienne Notter (Caritas Aargau);
Stephan Probst (HEKS MosaiQ Aargau – Fachstelle für qualifizierte Migrant:innen).

Ebenfalls auf dem Podium sass die Autorin dieses Textes, USB-Medienkoordinatorin und Journalistin Svitlana Prokopchuk. Sie ist wegen des Krieges in die Schweiz gekommen, steht täglich mit Ukrainerinnen im Austausch, die diesen Schritt gerade gehen, und sprach über ihre eigene Erfahrung sowie über gleiche Rechte für Frauen – unabhängig von Nationalität und Migrationsgeschichte.

Genau diese Vielfalt macht das Format wertvoll. Im Saal sitzen gleichzeitig jene, die Regeln schreiben, jene, die sie anwenden, und jene, die täglich mit ihren Folgen leben – und wissen, wie man sie ändern kann.

Vier Fragen, auf die Antworten gesucht wurden

Chancengleichheit. Welche strukturellen Hürden verhindern, dass Frauen mit Fluchterfahrung gleichberechtigten Zugang zu Bildung und Arbeitsmarkt erhalten – und wer muss sie abbauen?
Schnelle Arbeit oder nachhaltige Bildung? Die Politik verlangt oft eine möglichst rasche Erwerbsintegration. Doch hält das Frauen nicht über Jahre in schlecht bezahlten, unsicheren Jobs fest?
Handlungsspielräume. Was können Gemeinden, Jobcoaches, Berufsberatungsstellen und kantonale Behörden schon heute im Rahmen der geltenden Regeln tun?
Unsichtbare Hindernisse. Welche Rolle spielen familiäre Verpflichtungen, Kinderbetreuung, fehlende Anerkennung von Qualifikationen und geschlechtsspezifische Erwartungen?


Zehn Empfehlungen: von Geschichten zu Forderungen

Das wichtigste Ergebnis des Hearings sind nicht die Gespräche selbst, sondern das Dokument, das daraus hervorgeht. Die zehn Empfehlungen haben Menschen mit Fluchterfahrung selbst erarbeitet – aus ihrer eigenen Erfahrung. Sie betreffen sehr praktische Dinge:

Bildung vor Arbeit. Zugang zu Sprachkursen und Bildung muss ab den ersten Tagen bestehen, ohne lange Wartezeiten. Kurzfristiger Arbeitsdruck zementiert nur prekäre Verhältnisse.
Kinderbetreuung während der Ausbildung. Bezahlbar – und flächendeckend. Frauen mit Fluchterfahrung haben meist keine Grosseltern oder Verwandten, die informell einspringen können.
Teilzeit-Berufslehren. Modelle wie «Mütter in Ausbildung» und AMIE-F zeigen: Mütter mit kleinen Kindern können einen Beruf erlernen, wenn flexible Pensen und Unterstützung zusammenkommen.
Sprachkurse für beide Elternteile. Erhält nur der Mann einen Kurs, verstärkt das Abhängigkeiten und alte Rollenbilder. Richtwert ist mindestens Niveau B2. Für Frauen, die jahrelang Kinder betreut haben, soll das Recht auf Kurse verlängert werden.
Gleicher Zugang unabhängig von Status und Wohnort. Ob eine Frau einen Kurs erhält, darf nicht davon abhängen, in welcher Gemeinde sie lebt. Die Verfasserinnen und Verfasser der Empfehlungen sprechen von einer «Gemeinde-Lotterie».
Schnellere Anerkennung von Diplomen und Berufserfahrung. Einfacher, günstiger, unbürokratischer – damit Frauen auf ihrem Wissen aufbauen können, statt bei null zu beginnen.
Individuelle Beratung für jede Frau. Ein Gespräch nur mit dem Ehemann genügt nicht. Es braucht eine persönliche, kultursensible Laufbahnberatung.
Sicherheit und psychologische Unterstützung. Geschützte Unterkünfte mit Privatsphäre und niederschwellige psychologische Hilfe sind die Voraussetzung dafür, dass Lernen überhaupt möglich wird.
Planungssicherheit beim Aufenthaltsstatus. Wer nicht weiss, ob er bleiben darf, investiert kaum Jahre in eine Ausbildung. Rasche, verlässliche Entscheide stärken die Motivation.
Monitoring. Alle Akteurinnen und Akteure im Migrationsbereich sollen regelmässig überprüfen, ob ihre Massnahmen die Geschlechterunterschiede tatsächlich verringern.

Warum dieses Instrument funktioniert

Öffentliche Hearings verkürzen die Distanz zwischen Erfahrung und Entscheidung. Frauen, die in Berichten meist als «Zielgruppe» beschrieben werden, treten hier als Expertinnen ihres eigenen Lebens auf. Fachleute und Politikerinnen erhalten keine allgemeine Statistik, sondern konkrete Stellen, an denen das System versagt – und fertige Vorschläge, wie sich das ändern lässt.

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