Das Recht, gehört zu werden: über die Kraft der weiblichen Gemeinschaft

Text: Svitlana Prokopchuk

In der Schweiz, die oft als Land der Chancengleichheit wahrgenommen wird, sind Frauen nach wie vor mit Ungleichheit, Gewalt und Barrieren auf dem Arbeitsmarkt konfrontiert. Besonders spürbar ist dies für Migrantinnen, die gezwungen sind, ihr Leben von Grund auf neu aufzubauen. Über Herausforderungen, Solidarität und die Kraft weiblicher Unterstützung spricht Daniela Lutz, Präsidentin des Zonta-Clubs Bern (Mai 2024 – bis Mai 2026) — einer Organisation, die Frauen dabei hilft, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden und ihr Recht auf ein würdiges Leben zu behaupten.

Der Zonta-Club Bern unterstützt sowohl lokale als auch internationale Projekte. Wie entscheiden Sie, welche Initiativen vorrangig gefördert werden?
Die internationalen Projekte werden vom internationalen Vorstand von Zonta vorgestellt. Die meisten werden gemeinsam mit UNESCO und UNICEF umgesetzt und betreffen in erster Linie die Bildung von Mädchen und Frauen, ihre berufliche Integration sowie ihre wirtschaftliche und politische Teilhabe. Ein Projekt beispielsweise zielt auf die Verhinderung von Kinderheiraten sowie auf die Bekämpfung von weiblicher Genitalverstümmelung. Ein Instrument dieses Programms ist ein Chatbot, über den Mädchen aus verschiedenen Ländern anonym Fragen zu Menstruation, Sexualität, psychischen Problemen oder Gleichberechtigung stellen können.
Das wichtigste nationale Schweizer Projekt ist die finanzielle Unterstützung eines Preises, den wir alle zwei Jahre vergeben. Er zeichnet die herausragende wissenschaftliche Arbeit einer Frau im Bereich Energie, Künstliche Intelligenz, Quantephysik oder verwandter Forschungsfelder aus. Eine Jury lernt die Kandidatinnen kennen, sichtet die eingereichten Unterlagen und entscheidet, wessen Arbeit preiswürdig ist.
Lokale Projekte werden anders ausgewählt: Eine Gruppe von Frauen aus unserem Club prüft die Anträge. Die wichtigste Bedingung ist, dass die Projekte Frauen zugutekommen müssen, die keinen Zugang zu anderen Unterstützungsangeboten haben und die generell wenig Hilfe erhalten. Eines dieser Projekte war die die Gründung und direkte Unterstützung ukrainischer Frauen in Zusammenarbeit mit dem Verein USB unmittelbar nach Kriegsbeginn. Außerdem unterstützten wir die Organisation Karibu, die Migrantinnen Deutschkurse, Fahrrad- und Schwimmunterricht anbietet. Es gibt auch kleinere Projekte — zum Beispiel die Unterstützung von Kaleio, einem Magazin für Mädchen ab acht Jahren, das ihre Selbstständigkeit und ihr Selbstbewusstsein stärken soll.

Zu Ihren Projekten gehört auch die Unterstützung von Bildungsinitiativen für ukrainische Kinder in Bern. Wie wichtig ist Ihnen die Arbeit mit Migrantengemeinschaften?
Die erste Idee entstand im April 2022, als Frauen und Kinder aus der Ukraine ankamen und die Frage aufkam: Was wird aus der Bildung der ukrainischen Kinder? Es war schnell klar, dass ältere Kinder weiterhin online unterrichtet werden, aber was ist mit Kindern zwischen vier und acht Jahren, die noch den direkten Kontakt zu Lehrerinnen brauchen, um ihre Muttersprache zu erlernen? Zudem sollten sie von Fachleuten in heimatlicher Sprache und Kultur unterrichtet werden — Lehrerinnen oder Sozialpädagoginnen — und nicht nur von ihren Müttern.
Bald wurde deutlich, dass psychosoziale Unterstützung ebenso dringend notwendig war. Wir konnten einige ukrainische Psychologinnen gewinnen, die begannen, mit traumatisierten Familien und Kindern zu arbeiten. Dieses Projekt finanzierten wir gemeinsam mit der Burgergemeinde Bern.
Uns ist es grundsätzlich sehr wichtig, dass Frauen und Kinder so schnell wie möglich das Gefühl entwickeln, selbstständig handeln und entscheiden zu können — und sich zu integrieren, egal ob sie bleiben oder zurückkehren. Besonders wichtig ist, dass sich Kinder nicht ausgeschlossen fühlen und die Möglichkeiten nutzen können, die dieses Land ihnen bietet. Mir scheint, darum geht es im Kern: dass Frauen sich nicht allein und verlassen fühlen.

Zonta unterstützte auch ein Projekt zur Arbeitsmarktintegration qualifizierter Migrantinnen. Mit welchen grössten Hürden sind diese Frauen auf dem Schweizer Arbeitsmarkt konfrontiert?
Eine der größten Hürden ist die Anerkennung ihrer Diplome, die sehr viel Zeit in Anspruch nimmt. Dazu kommt die Notwendigkeit, sich im Dschungel des Arbeitsintegrationssystems zurechtzufinden: Welche Sprachkenntnisse werden vorausgesetzt, welche Qualifikationen sind gefragt, welche Unterstützung ist erhältlich? Es ist sehr wichtig, dass Frauen auch in diesen Situationen nicht das Gefühl haben, allein damit zu sein, und irgendwo einsteigen können — vielleicht an einem geschützten Arbeitsplatz oder in einer Position, die nicht vollständig ihrer Qualifikation entspricht, die ihnen aber ermöglicht, sich im System zu orientieren und von dort aus Schritt für Schritt weiterzukommen.

Der Club finanziert Initiativen, in denen Frauen andere Frauen unterstützen — zum Beispiel Plattformen für Unternehmerinnen oder kreative Berufe. Wie wichtig ist weibliche Solidarität in der heutigen Gesellschaft?
Wir haben immer wieder verschiedene Initiativen unterstützt — hauptsächlich Startups, die Frauen die Möglichkeit gaben, ihrer gewählten Tätigkeit nachzugehen und zumindest den ersten Schritt zu wagen, um von dort aus zu sehen, wie sie sich weiter selbstständig entwickeln können. Frauen haben häufig nicht die nötigen finanziellen Mittel und kommen deutlich schwerer an Ressourcen heran als Männer — genauso wie an Sponsoring für ihre Ideen. Daher ist es schön, wenn wir ihnen die notwendige Unterstützung geben können.
Schaut man auf die Gesellschaft insgesamt — etwa im Fußball oder in anderen Sportarten — müssen Frauen sich viel mehr anstrengen, um finanzielle Unterstützung oder Sponsoring zu erhalten. So ist es auch in anderen Bereichen: Für Frauen ist es ungleich schwieriger, an die entsprechenden Fördertöpfe heranzukommen als für Männer. Manchmal hat man Glück, aber generell ist es erheblich schwieriger. Daher ist die Solidarität von Organisationen wie Zonta wichtig: Sie zeigt Frauen, dass es andere Frauen gibt, die für sie kämpfen und ihnen helfen wollen, ihre Träume zu verwirklichen und ihren eigenen Weg zu finden — besonders dann, wenn nur Teilzeitarbeit möglich ist, weil Kinder betreut werden müssen, oder wenn Frauen alleinerziehend sind und die Kinderbetreuung nicht immer gesichert ist.

Zontas Projekte umfassen auch die Prävention von Gewalt gegen Frauen und Mädchen. Wie hat sich dieses Problem Ihrer Meinung nach in den letzten Jahren verändert, insbesondere im Kontext von Migrantinnen?
Die Problematik wurde in der Schweiz lange nicht genug ernst genommen, aber Gewalt gegen Frauen und Mädchen existiert überall. In der Schweiz ist ein zunehmendes Ausmaß an Femiziden zu beobachten. Was das Land schon lange kennt, ist Waffengewalt — Gewalt gegen Frauen oder erweiterte Suizide, bei denen ganze Familien ausgelöscht werden — was zum Teil damit zusammenhängt, dass in der Schweiz sehr viele Waffen im Umlauf sind.
Dank der Kampagne «16 Tage gegen Gewalt» ist das Thema stärker in den Fokus gerückt. Gewalt gegen Frauen ist Realität. Lange Zeit fiel häusliche Gewalt unter keinerlei rechtliche Normen. Jetzt besteht zumindest die Möglichkeit zu sagen: Mein Mann oder Partner hat psychische oder physische Gewalt gegen mich oder gegen die Kinder ausgeübt. Aber oft trauen sich Frauen nicht, über das Erlebte zu sprechen, weil sie Angst haben, nicht ernst genommen zu werden. Leider begegne ich dem auch in meiner eigenen Praxis als Psychiaterin (Daniela Lutz ist Fachärztin für Psychiatrie): Frauen, die Gewalt erfahren haben, haben das Gefühl, dass das, was ihnen wirklich passiert ist, nicht ernst genommen wird.
Es ist gut, dass wir jetzt die Rechtsnorm haben: Nur ein «Ja» ist Zustimmung zu einvernehmlichen sexuellen Kontakten zwischen 2 Personen, und alles andere gibt niemandem das Recht, eine Frau anzufassen oder ihr Gewalt anzutun. Aber für Frauen, die nicht im öffentlichen Rampenlicht stehen, ist es nach wie vor sehr schwierig, Aussagen zu machen und das Gefühl zu haben, ernst genommen zu werden. Täter bleiben oft sehr lange unbehelligt, und Frauen leben jahrelang in der Angst, dass die Gewalt sich wiederholt. Das ist nach wie vor ein großes Problem, das leider noch immer nicht ausreichend ernst genommen wird.

Welche Herausforderungen stehen junge Frauen heute besonders stark gegenüber — und unterscheiden sich diese für Frauen mit Migrationshintergrund?
Ich glaube, es gibt keinen Unterschied zwischen Frauen mit und ohne Migrationshintergrund. Das diesjährige Thema der Kampagne «16 Tage gegen Gewalt» von Frieda ist Cyberkriminalität. Für Jugendliche und junge Frauen ist das eine enorme Herausforderung: Sie werden online gemobbt, bloßgestellt, Gewaltvideos werden verbreitet. Heute ist es sogar möglich, mithilfe von KI Bildern junge Frauen nackt oder in sexuellen Situationen darzustellen — obwohl das der Realität nicht entspricht. Keine Frau ist davor geschützt. Darüber hinaus gibt es Plattformen, auf denen sich Mädchen öffentlich präsentieren und damit Geld verdienen können, was ebenfalls recht gefährlich ist.
Und natürlich gibt es noch einen weiteren Aspekt: In verschiedenen Ländern werden Frauenrechte, für die wir im letzten und im jetzigen Jahrhundert so hart gekämpft haben, wieder in Frage gestellt — das Wahlrecht, das Recht auf Abtreibung, das Recht auf politische und wirtschaftliche Teilhabe. Es gibt immer wieder Versuche, diese Rechte rückgängig zu machen. Deshalb müssen wir als ältere Frauen besonders darauf achten, dass der jungen Generation diese Rechte nicht genommen werden.

Der Club unterstützt Projekte, die das Selbstbewusstsein von Mädchen stärken und ihre Möglichkeiten erweitern. Wie stark beeinflusst eine frühe Förderung den weiteren Lebensweg einer Frau?
Frühe Förderung spielt zweifellos eine große Rolle — vor allem darin, dass es als selbstverständlich gilt, dass eine Frau auch dann berufstätig bleibt, wenn sie Kinder hat, und dass sie nicht dem Vorurteil ausgesetzt ist, Kinder würden sich ohne ihre Mutter schlecht entwickeln. Es ist erfreulich, dass heute immer mehr Mütter berufstätig sind — zumindest in Teilzeit. Wichtig ist, dass Töchter sehen: Mütter haben das Recht, Träume und Wünsche zu haben und ihre Talente und Fähigkeiten zum Wohl der Gesellschaft einzusetzen. Diese Talente werden leider viel zu oft nicht wahrgenommen und nicht ausreichend wertgeschätzt.

Wie bewerten Sie die Rolle von Organisationen wie Ihrer beim Wandel der gesellschaftlichen Wahrnehmung von Frauen und Migrantinnen in der Schweiz?
Die Rolle von Organisationen wie Zonta ist äußerst wichtig. Sie sind ein Raum, in dem Frauen verschiedenster Berufe, Kulturen und Herkunft zusammenkommen und — gestützt auf ihre Erfahrungen und Fachkenntnisse — anderen Frauen helfen, in der Gesellschaft einen Weg zu finden, der zu ihnen passt. Ich halte es für wichtig, das Gefühl zu haben: «Ich bin nicht allein auf dieser Welt. Mit meinen Talenten habe ich das Recht, meinen Platz in der Gesellschaft einzunehmen und für meine Arbeit genauso entlöhnt zu werden wie ein Mann».

Gibt es Projekte, die Sie aufgeben mussten? Was sagt das über sich verändernde gesellschaftliche Bedürfnisse aus?
Wenn wir ein Projekt nicht weiterführen, liegt das in der Regel daran, dass wir kein Feedback mehr erhalten haben oder dass das von uns unterstützte Projekt einfach nicht fortgesetzt wurde. Das bedeutet nicht, dass es sich nicht gelohnt hätte, es zu unterstützen. Gesellschaftliche Bedürfnisse verändern sich ständig — und das ist normal. Wie man so schön sagt: Nichts ist beständiger als der Wandel.

Welche Veränderungen fehlen Ihrer Meinung nach in der Schweiz noch am meisten — für Frauen und insbesondere für Frauen mit Migrationshintergrund?
Ehrlich gesagt betrifft diese Frage nicht nur Frauen mit Migrationshintergrund, sondern alle Frauen. Das Wichtigste ist, dass Frauen sich bewusst werden, was es bedeutet, kein eigenes Einkommen zu haben. Altersarmut. Oder: Auch wenn man verheiratet ist und einen finanziellen Rückhalt hat, kann sich die Situation von einem Moment auf den anderen ändern. Das zeigt auch die Erfahrung von Frauen, die alles verloren haben und in einem fremden Land von vorne beginnen mussten.
Deshalb ist es so wichtig zu verstehen: Man braucht eine gute Ausbildung, man muss lernen, selbstbewusst aufzutreten, sich hocharbeiten zu können und nicht aufzugeben. Und man darf sich nicht in eine Ecke drängen lassen mit den Worten: «Aber du bist doch eine Frau.» Diesen Satz darf es nicht geben. Es müsste heißen: «Aber du bist doch ein Mensch!» Die Schweiz hat die Möglichkeiten, Frauen zu integrieren. Und Frauen müssen verstehen: Nur wer am politischen und wirtschaftlichen Leben teilnimmt, kann über das gesamte Leben hinweg eine gewisse Sicherheit erwarten.
Zonta ist ein altersgemischter Frauenclub, dem die Menschen wirklich am Herzen liegen — vor allem Frauen und Kinder. Unser Ziel ist es, alle Frauen und Mädchen zu stärken und ihnen zu helfen, entsprechend ihren eigenen Bedürfnissen zu leben. Das bedeutet nicht, Grenzen zu überschreiten oder anderen etwas wegzunehmen. Es geht vielmehr darum: Frauen werden viel zu oft zu wenig Möglichkeiten gegeben. Aber sie sollten nicht darauf warten, dass man ihnen diese Möglichkeiten einräumt — sie müssen sie einfordern. Wir als Frauen müssen uns bewusst sein, dass wir das Recht haben, diese Forderungen zu stellen, dass wir das Recht haben, mit Würde aufzutreten — um unseren Platz in der Gesellschaft zu sichern und ihn für unsere Töchter zu bewahren.

Fotos: Nikole Stadelmann

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