Text: Svitlana Prokopchuk
In der Schweiz wird Integration meist an Sprachzertifikaten und Erwerbstätigkeit gemessen. Hinter diesen Indikatoren verbirgt sich jedoch ein komplexerer Prozess, in dem Bildung, soziale Netzwerke und das Gefühl, akzeptiert zu werden, zusammenkommen. Für viele Migrantinnen und Migranten sowie Geflüchtete bedeutet dieser Weg, ganz von vorne beginnen zu müssen – unabhängig von ihrer bisherigen Erfahrung oder ihrem Beruf. Bildungs- und Sozialprojekte spielen dabei eine Schlüsselrolle: Sie vermitteln nicht nur praktische Fähigkeiten, sondern schaffen auch Räume für Austausch und Unterstützung. Gleichzeitig weisen Fachleute im Integrationsbereich zunehmend auf eine andere Seite des Problems hin – wachsende gesellschaftliche Spannungen und eine kritischere Haltung gegenüber Menschen mit Migrationserfahrung. Unter solchen Bedingungen wird Integration nicht nur zu einer individuellen Herausforderung, sondern zu einer gemeinsamen Aufgabe für die gesamte Gesellschaft.
Sich neu finden: Wie Nähen hilft, seinen Platz in einem neuen Land zu finden

„Wenn du dein Heimatland verlässt, musst du deine Hände und deinen Kopf mitnehmen“, sagt Svitlana Syvukha. Sie lächelt, doch hinter diesem einfachen Satz verbirgt sich eine Erfahrung, die vielen Migrantinnen und Migranten in der Schweiz vertraut ist. In ihrem Herkunftsland hatte Svitlana eine Ausbildung als Ingenieurin für Verfahrenstechnik. Doch ihr Leben entwickelte sich so, dass dieser Beruf eher „für die Familie“ blieb als zur eigenen Verwirklichung. Nach dem Umzug in die Stadt Schaffhausen in der Schweiz entstand ein anderer Wunsch: aktiv zu sein, sich selbst zu finden, neu anzufangen.
Früher spielte das Nähen bereits eine Rolle in ihrem Leben. Und gerade die Rückkehr dazu wurde zu einem unerwarteten Weg der inneren Erneuerung. Als sie von einem Kurs erfuhr, zu dem sie von einer Sozialarbeiterin geschickt wurde, sah sie darin eine Chance. Heute lernt sie nicht nur selbst, sondern hilft auch anderen. Als sich die Möglichkeit bot, als Assistentin zu arbeiten, sagte sie sofort zu. „Mit großer Freude. Es ist ein gegenseitiger Prozess: Ich gebe etwas und bekomme etwas zurück.“ Ihre Teilnahme am Projekt ist ehrenamtlich. Doch sie ist überzeugt: Es hat Bedeutung. Wenn sie über die Herausforderungen der Integration spricht, ist Svitlana offen. Sie ist überzeugt, dass der Schlüssel nicht nur in staatlicher Unterstützung liegt, sondern auch in der inneren Haltung der Person selbst. Sie rät, keine Arbeit zu scheuen, besonders nicht ehrenamtliche Tätigkeiten, denn gerade diese werden oft zum ersten Schritt zu neuen Kontakten und Erfahrungen.
Ein Raum, in dem es wichtig ist, man selbst zu sein: Wie Kreativität Frauen bei der Integration hilft


„Die Erfahrung von Svitlana ist sehr typisch für Frauen, die zu unseren Nähkursen kommen“, erzählt Hixhrete Biqkaj, unter deren Leitung diese stattfinden. Seit fast vier Jahren arbeitet sie täglich mit Teilnehmerinnen unterschiedlicher Herkunft. „Ich arbeite mit verschiedenen Kulturen, und das gefällt mir sehr“, sagt Frau Biqkaj. Unter den Teilnehmerinnen sind Frauen aus der Ukraine, der Türkei, Afghanistan und anderen Ländern.
Heute sind etwa 37 Teilnehmerinnen in das Projekt eingebunden. Trotz der großen Anzahl bleibt der Ansatz individuell: Jede Frau arbeitet an ihrem eigenen Projekt und erhält Unterstützung genau dann, wenn sie sie braucht. „Ich schreibe nicht vor, was zu tun ist. Ich zeige Möglichkeiten. Sie entscheiden selbst, und ich helfe ihnen, ihre Ideen umzusetzen“, erklärt Hixhrete Biqkaj.
Die Sprachbarriere erschwert die Kommunikation. Doch eine unterstützende Atmosphäre hilft, diese Schwierigkeiten zu überwinden. Dieser Ansatz macht den Kurs nicht nur zu einem Ort der Kreativität, sondern auch zu einem wichtigen Schritt auf dem Weg zur Integration. Denn echte Integration beginnt mit dem Gefühl der Zugehörigkeit, mit Unterstützung und der Möglichkeit, sich auszudrücken.
„Wir respektieren die nationale Identität, aber wir vermitteln, wie die Schweiz funktioniert“
Nähkurse sind nur eine von vielen Integrationsmöglichkeiten, die das SAH Schaffhausen anbietet. Neben dem Atelier gibt es Deutschkurse für verschiedene Niveaus und Altersklassen, Konversationskurse, modulare Kurse, Kurse zur sozialen Orientierung sowie Alphabetisierungskurse. Wie man diese Angebote nutzen kann und welche Herausforderungen Migrantinnen und Migranten begegnen, erklärt Elisa Frey. Sie arbeitet seit fast drei Jahren beim SAH Schaffhausen. Zunächst unterrichtete sie im JUMA Programm (für Jugendliche und junge Erwachsene), heute ist sie für die externe Kommunikation der Organisation zuständig.
— Wie würden Sie erfolgreiche Integration definieren?
Ich würde sagen, drei Dinge sind entscheidend: Sprache, Arbeit und gesellschaftliche Teilhabe. Die Grundlage ist die Sprache. Ohne grundlegende Sprachkenntnisse ist es fast unmöglich zu arbeiten. Natürlich gibt es Bereiche, in denen Englisch ausreicht, etwa in der Wissenschaft oder im Ingenieurwesen. Aber in unserem Bereich der Arbeitsintegration arbeiten wir mit vor allem Menschen, die oft kein hohes Bildungsniveau haben. Manche waren nie in der Schule. Deshalb ist Sprache zentral. Nicht jeder braucht das Niveau B2 oder C1. Für eine berufliche Ausbildung wäre B2 jedoch ideal. Dann kommen Bildung und Arbeit. Aber bedeutet das vollständige Integration? Nicht ganz. Echte Integration zeigt sich in der gesellschaftlichen Teilhabe: Welche Kontakte hat eine Person, wird sie von der Gesellschaft akzeptiert? Und hier ist wichtig zu verstehen: Integration ist nicht nur Aufgabe der Migrantinnen und Migranten, sondern auch Verantwortung der Gesellschaft.

— Was ist der wichtigste erste Schritt?
Wir nennen das „Sozialinformation“. Wir erklären den Menschen, wie die Schweiz funktioniert: wohin man sich wenden kann, wie Institutionen arbeiten. Es gibt Workshops zu Gesundheit und psychologischer Unterstützung. Dort besuchen sie sogar manchmal die Polizei , weil viele Menschen aus anderen Ländern Angst vor ihr haben. Hier erklären wir: Die Polizei dient der Gesellschaft. Außerdem sprechen wir über Regeln des Zusammenlebens und Kultur. Es ist sehr wichtig zu verstehen, wie das Land funktioniert.
— Warum werden manche Kurse getrennt für Männer und Frauen angeboten?
Weil sich viele Frauen anfangs nicht wohl fühlen, bestimmte Fragen in Anwesenheit von Männern zu stellen. Zum Beispiel bei Themen wie Gesundheit oder Gynäkologie. Das hängt mit dem kulturellen Hintergrund zusammen, und solche Dinge ändern sich nicht sofort. Es ist ein schrittweiser Prozess.
— Welche Lernformate funktionieren am besten?
Das ist schwer eindeutig zu sagen, aber „Deutsch im Park“ ist sehr beliebt. Die Menschen kommen einfach, um mehr Deutsch zu sprechen. Darauf aufbauend haben wir das „Konversationskaffee“ entwickelt – Treffen, bei denen Menschen sprechen, spielen und informell lernen. Aber auch alle unsere anderen Deutschkurse sind sehr erfolgreich. Beim Juma haben die Teilnehmenden beispielsweise auch Unterricht in Mathematik und Allgemeinbildung. Das bereitet sie auf die Berufsschule vor und gibt ihnen die wichtigsten Grundlagen. Natürlich wechseln die Teilnehmer manchmal in ihre Muttersprache. Aber wir sind sehr streng (lacht): Im Unterricht wird nur Deutsch gesprochen. Wir erklären mit Gesten, Bildern und Videos, aber wir übersetzen nicht. Gleichzeitig respektieren wir die Muttersprache als Teil der Identität.
— Berücksichtigen Sie unterschiedliche Bildungsniveaus?
Ja, aber unsere Programme richten sich vor allem an Menschen mit geringer Bildung. Es gibt Alphabetisierungskurse, in denen Lesen und Schreiben von Grund auf gelernt wird. Gleichzeitig fehlt es uns an Programmen für junge Menschen mit akademischer Ausbildung. Das ist ein großer Bedarf, aber dafür braucht es Ressourcen.

— Mit welchen Herausforderungen sind junge Migrantinnen und Migranten konfrontiert?
Sie sind sehr unterschiedlich, aber zunehmend sehen wir ein Problem der Ablehnung innerhalb der Gesellschaft. Junge Menschen haben das Gefühl, dass sie nicht gewollt sind. Es ist schwer, ein Leben in einem Land aufzubauen, in dem man sich nicht willkommen fühlt. Außerdem ist es sehr momentan schwierig, einen Ausbildungsplatz zu finden. Es gibt einfach zu wenige.
— Was sind die größten Hürden auf dem Arbeitsmarkt?
In erster Linie die Sprache. Außerdem die Erstellung von Bewerbungsunterlagen. Selbst ein professionelles Foto zu machen, kann eine Herausforderung sein. Wir unterstützen durch Job-Coaching: Wir helfen bei Unterlagen, üben Vorstellungsgespräche und stärken die Motivation. Ein weiteres großes Problem ist die Anerkennung von Diplomen. Menschen mit viel Erfahrung müssen oft ganz von vorne anfangen. Das bedeutet den Verlust von Jahren an Arbeit und Wissen. Weder ich noch meine Kolleginnen und Kollegen sehen hier Fortschritte. Oft heißt es: Dieser Abschluss wird nicht anerkannt, kümmern Sie sich selbst darum. Dabei reichen die Menschen alle Unterlagen ein: Studienprogramme, Kursbeschreibungen, Inhalte. Man könnte prüfen, was anerkannt werden kann, sodass nur wenige Kurse in der Schweiz nachgeholt werden müssten. In einigen Berufen funktioniert das auch. In vielen Fällen jedoch gibt es eine klare Ablehnung. Dreißig Jahre Erfahrung – und plötzlich scheint das nichts wert zu sein. Eine Zahnärztin, die jahrelang praktiziert hat, kann hier höchstens als Assistentin arbeiten. Aber Zähne sind überall gleich.
— Wie helfen kulturelle Veranstaltungen, Vorurteile abzubauen?
Persönlicher Kontakt ist sehr wichtig. Menschen, die nie mit Geflüchteten gesprochen haben, haben oft Vorurteile. Leider muss ich sagen, dass sich die Haltung gegenüber Migrantinnen und Migranten in letzter Zeit verschlechtert hat. Diskriminierende Aussagen werden offener geäußert. Das ist eine gefährliche Entwicklung. Viele Menschen, die nie mit einem Afghanen gesprochen haben, haben zahlreiche Vorurteile gegenüber jungen Männern aus Afghanistan. Wir hingegen arbeiten täglich mit ihnen und erleben, dass sie sehr offen sind.

In den letzten Monaten – seit eine migrationskritische Initiative die Medien dominiert – hat sich die Stimmung meiner Meinung nach deutlich verschlechtert. Im März haben wir in Schaffhausen erstmals eine Aktionswoche gegen Rassismus organisiert. Es gab viele Veranstaltungen und Workshops, und alles verlief sehr gut. Gleichzeitig haben wir gesehen, dass viele Menschen weiterhin diskriminierende Fragen und Aussagen äußern. Durch diese Initiative scheint vieles wieder sagbar geworden zu sein. Dinge, die vor zehn Jahren nicht gesagt worden wären, werden heute offen ausgesprochen. „Sie sollen alle nach Hause gehen“ – und das gilt plötzlich nicht mehr als rassistisch. Aussagen wie „Sie sind alle kriminell, sie sollen nach Hause gehen“ hört man einfach so auf der Straße. Das ist eine enorme Beleidigung. Ich halte es für äußerst gefährlich, eine Atmosphäre der Angst zu schüren – als würde uns etwas weggenommen. In Wirklichkeit ist genug für alle da. Niemand nimmt jemandem etwas weg.
— Was motiviert Sie in Ihrer Arbeit?
Mich motivieren unsere Teilnehmenden. Wenn man sieht, wie sie nach einigen Jahren lernen und ihr Leben aufbauen, ist das wirklich etwas Schönes.