Text: Svitlana Prokopchuk
Die 75-jährige Susanne Egloff lebt seit 24 Jahren in Kriens bei Luzern. Zehn Jahre davon verbrachte sie allerdings im Ausland und arbeitete an verschiedenen Projekten in Ländern des postsowjetischen Raums. Ihre Arbeit war stets mit Menschen verbunden, die auf Hilfe und Pflege zu Hause angewiesen waren. „Das ist in all diesen Ländern ein sehr aktuelles Thema, weil die jungen Menschen weggehen und die älteren zurückbleiben und oft auf sich allein gestellt, in Einsamkeit und Armut leben“, sagt Susanne.
Ein “zufälliger” Zufall
Nach ihrer Rückkehr in die Schweiz kam Susanne eher unerwartet mit dem Thema Migration in Berührung. Der erste solche Zufall war die Begegnung mit einer jungen Frau. „Sie hielt mir ihr Handy entgegen und fragte: ‹Wo kann ich das kaufen?” Auf dem Bildschirm zeigte sie mir eine Packung Gerste.“ Susanne und diese Frau aus Tibet,, suchten gemeinsam nach einem Laden, in dem das Produkt zu einem erschwinglichen Preis erhältlich war. Anschliessend tauschten sie ihre Telefonnummern aus und so wurde aus diesem kurzen Kontakt eine längere Beziehung von Geben und Nehmen. .
„Einmal musste N. zum Arzt und ich wollte sie begleiten. Die angefragte Übersetzerin, eine Tibeterin ohne gültige Aufenthaltspapiere, kam allerdings zu spät und hatte beim Hetzen auf den Bus eine Busse von 100 Franken eingefangen. Weil irgendjemand die Busse bezahlen musste, gab es weitere Kontakte mit TibeterInnen und damit ein weiteres Bewusstsein über den Unterstützungsbedarf bei Geflüchteten.
Später, anlässlich eines zufälligen Kontakts mit einer afghanischen Flüchtlingsfrau wurde das Problem mit der Bezahlung von Bussen noch einmal akut. Diese Frau hatte eine Busse von 100 Franken bekommen. Weil sie als Flüchtling ohne gültige Papiere auch keine Adresse hatte und wegen mangelnder Sprachkenntnisse war die Busse auf 1000 Franken angewachsen. Susanne beschloss, auch in diesem Fall zu helfen, weil sie diese Situation ungerecht fand. Sie erzählt: „Ich habe mich für die Schweizer Bürokratie geschämt, die manchmal keinen Raum für menschliche und würdige Lösungen lässt“
Zunehmend realisierte Susanne, wie manche Menschen, die neu hier ankommen, auf sich selbst gestellt sind. Insbesondere nach einem Wechsel des Aufenthaltsstatus. Ohne Papiere zu sein und dann plötzlich einen B-Ausweis zu bekommen fühlt sich an wie ein kleines Wunder. Aber es ist auch der Beginn eine grossen Unsicherheit: “Bis dahin darfst du praktisch nichts, und nachher musst du alles selbst können und nur ja nichts falsch machen“ sagte N. einmal zu ihr.
Susanne begann auch aufgrund ihrer eigenen früheren Erfahrungen, Migrantinnen und Migranten zu helfen. Vier Jahre lebte und arbeitete sie in Belarus und verfügte anfäglich nur über sehr geringe Kenntnisse der Landessprache. „Ich habe selbst erlebt, was es bedeutet, die Sprache nicht zu kennen und von anderen nicht verstanden zu werden. Das prägt einen Menschen sehr“, fügt sie hinzu.
Als Susanne erkannte, wie wichtig Sprache für die Anpassung in einem neuen Land ist, absolvierte sie eine Ausbildung, um Deutsch als Zweitsprache zu unterrichten und Sprachkurse zu leiten. Während der COVID-Pandemie konnte sie keine Gruppenkurse durchführen. Deshalb gab sie nur Einzelunterricht, und die Sprachschule vermittelte ihr Menschen, die zusätzliche Unterstützung beim Lernen benötigten.
Der grösste Wunsch: sich zu Hause zu fühlen
Besonders schwierig ist für Migrant*innen und Asylsuchende in der Schweiz das Warten auf einen Entscheid zum Aufenthaltsstatus. Es ist eine sehr belastende und angstvolle Zeit, die manchmal Jahre dauern kann.
Wenn eine Person dann einen Negativentscheid (kein Asyl = Abschiebung) erhält, ist es besonders schwierig. Susanne erklärt dies am Beispiel des jungen M.aus Guinea, der vor zwei Jahren in die Schweiz gekommen ist. Da der junge Mann keine Dokumente besitzt, kann er nicht aus der Schweiz abgeschoben werden. Zurzeit lebt er in einem Camp, in dem er nur übernachten darf. Jeden Morgen um 9.30 Uhr verlässt er das Camp und sucht bis zum Abend nach einer Beschäftigung. „Ich gehe in den Supermarkt oder in die Bibliothek, weil ich sehr gerne lese. Besonders kompliziert ist es aber im Winter, wenn es kalt ist. Für mich ist das sehr schwierig“, erzählt er.
Da sein Heimatland früher von Frankreich kolonisiert wurde, spricht der junge Mann Französisch. M.‘s Muttersprache ist jedoch eine der 24 Landessprachen und bis heute hat er niemanden gefunden, der diese Sprache spricht und ihm bei den zuständigen Ämtern mit Übersetzen hilft. Um besser kommunizieren zu können, lernt er Deutsch, die Sprache des Kantons, in dem er lebt. Gleichzeitig hat er kaum Kontakte zu Einheimischen und kann die Sprache deshalb nicht im Alltag anwenden, obwohl er sie fleissig lernt. M darf nicht arbeiten. Er engagiert sich freiwillig und träumt davon, im sozialen Bereich zu arbeiten und Menschen zu betreuen. Sein grösster Wunsch ist es, sich zu Hause zu fühlen. Susanne nennt er „Mama“ und die wöchentlichen Begegnungen mit ihr sind ein wichtiger Fixpunkt in diesem Leben ohne Perspektive.
Falls M. nach fünf Jahren Aufenthalt die Chance bekommt, ein Härtefallgesuch zu stellen und dieses zu einer Aufenthaltsberechtigung führt, beginnt ein weiteres anspruchsvolles Kapitel:. „Bis dahin darfst du praktisch nichts, und danach musst du plötzlich alles können.“ Dann wird von ihm erwartet, dass er bereits integriert ist, die Sprache beherrscht, eine Arbeit hat und möglichst nicht vom Sozialsystem abhängig ist“, sagt Susanne.
Geschenke des Schicksals
Die Erfahrungen in der Arbeit mit Migrant*innen haben Susanne verändert. Eine besondere Chance war das Projekt, das Menschen mit überschüssigem Wohnraum ermöglichte, Wohnpartnerschaften mit Geflüchteten einzugehen Susanne entschied, einen Flüchtling aus dem Iran bei sich aufzunehmen. „Wir haben das gesamte Verfahren durchlaufen, die Abklärungen gemacht und einen Termin zum Umzug in meine Wohnung vereinbart. Einen Tag davor teilte uns das Migrationsamt mit: ‹Nein, das geht nicht. Er kann seine Wohnsituation nicht einfach selbstständig verändern›“, erinnert sich Susanne.
Erst nach zwei Monaten hartnäckiger Diskussionen wurde es möglich. Seitdem lebt Р. seit mehr als zweieinhalb Jahren bei Susanne. „Für ihn war das nur eine Episode unter vielen negativen Ereignissen. Dieses ständige Gefühl, immer wieder zurückgeworfen zu werden. Er war jahrelang unterwegs und hat bei seiner Flucht aus seinem Heimatland so viel erlebt. Und dann musste er auch noch das aushalten“, fügt Susanne hinzu.
Susanne bezeichnet jeden Migranten und jede Migrantin, denen sie geholfen hat, als ein Geschenk. Dabei hat sie für sich auch eine Antwort darauf gefunden, was Menschen mit unterschiedlichen Migrationserfahrungen verbindet. Erstens: Sie sind jetzt hier, und allein das verbindet sie. Zweitens: Jeder Mensch hat bestimmte Gründe, warum er sein Heimatland verlassen musste, und niemand hat das Recht, ihn dafür zu verurteilen.
Die Unterschiede liegen vor allem in den Gründen für die Flucht und darin, wie die Menschen selbst diese erklären. Bei den Tibetern kann es Karma sein: „Es ist einfach mein Schicksal. Vielleicht habe ich in einem früheren Leben nicht besonders gut gelebt.“ Im Iran ist es das politische Regime. Und manchmal ist es die letzte Hoffnung: ein Klima, das den Menschen keine Chancen und Perspektiven lässt, etwa durch Dürre oder wiederkehrende Überschwemmungen.

Was die Integration erschwert
Für die meisten Ankommenden ist es die Sprache. Selbst die Aussprache in unserer Altagssprache der verschiedenen Dialekte macht es für sie ziemlich schwierig, Deutsch zu lernen. Auch das Gesundheitssystem ist für neu zugewanderte Menschen kompliziert. Eine Krankenversicherung haben sie zwar von Anfang an, doch um die notwendige Behandlung zu erhalten, müssen sie manchmal sehr lange warten. Besonders schwierig ist die Situation bei der Zahnmedizin.
Eine weitere Herausforderung ist die persönliche Vorgeschichte: Ist die Person überhaupt zur Schule gegangen? Für Menschen mit Bildung, Erfahrung und bestimmten Möglichkeiten ist die Integration deutlich einfacher.
Menschen, die Spuren im Leben hinterlassen haben
In ihrer Arbeit mit Geflüchteten gibt es zwei Menschen, die besonders starke Spuren in Susannes Leben hinterlassen haben. Eine von ihnen, R., gründete eine Beratungsstelle für Menschen ohne Papiere und verfügt über sehr viel Erfahrung in der Arbeit mit fremden Kulturen.
„Einmal habe ich mich bei ihr beschwert“, erinnert sich Susanne. „Die Tibeter sind schon speziell. Sie sagen nie Danke.” Eigentlich sind sie sehr dankbare und aufmerksame Menschen, aber sie sagen nicht ‹Danke›“. Darauf antwortete R., „dass sie das selbst erst mit der Zeit verstanden habe. Nach der tibetischen Vorstellung verbessert man sein eigenes Karma, wenn man jemandem etwas Gutes tut. Das heisst, eigentlich sollte ich ihnen dafür danken, dass sie mir die Möglichkeit gegeben haben, etwas Gutes zu tun“ Das veränderte Susanne‘s Blick auf die Welt ziemlich gründlich
Einen aussergewöhnlichen Einfluss auf Susanne hat auch das gemeinsame Leben mit dem Iranischen Wohnpartner. Sie hat sogar begonnen, Farsi zu lernen, um seine Welt besser zu verstehen.
Alle Namen der Geflüchteten wurden von der Autorin bewusst anonymisiert.