Ein Festivalwochenende im Wallis – und eine Lektion in Zero Waste

Text: Olena Krylova

Erst vor Kurzem hat Alexii den Schutzstatus S erhalten. Diesen August verbringt er zwei Wochen an einem der grössten Musikfestivals des Landes, sortiert Abfall und zeigt Festivalbesucherinnen und -besuchern, wohin ihre leeren Becher gehören.

Alexii gehört zu einer Gruppe junger Ukrainerinnen und Ukrainer, die von USB NGO für das Nachhaltigkeitsteam vor Ort am Gampel-Festival im Wallis rekrutiert wurden – im Einsatz gemeinsam mit Acting Responsibly AG, dem in Biel ansässigen Beratungsunternehmen, das für die Abfall- und Wiederverwendungslogistik des Anlasses verantwortlich ist. Es ist ein kurzer Einsatz — aber, wie die Organisatoren sagen, eher ein Trainingsfeld.

„Ich habe mich entschieden, am Festival teilzunehmen, um neue Erfahrungen zu sammeln, neues Wissen zu erwerben und Einheimische kennenzulernen. Ein schöner Bonus waren dabei die unglaublichen Ausblicke auf die Berge, die Möglichkeit, das Schweizer Abfallsortiersystem mit eigenen Augen zu sehen und sogar selbst ein paar Verbesserungen in den Abläufen vorzunehmen“, sagte Alexii.

Acting Responsibly AG hat sich einen Namen gemacht mit der ökologischen Gestaltung grosser Schweizer Anlässe und mit Abfallsortierstationen an Festivals im ganzen Land. Am Gampel betreuen die Teams der Firma an einem einzigen Wochenende Zehntausende von Besucherinnen und Besuchern – schnelles Arbeiten unter Druck im Team ist gefragt. Für jemanden, der neu in der Schweiz ist, ist das auch ein Crashkurs im Schweizer Arbeitsalltag: Schichtpläne, Sicherheitsbriefings, direktes Feedback, Teamarbeit mit Fremden.

“Die wenigsten sehen, was es braucht, damit ein Festival dieser Grösse bis Sonntagabend nicht im Abfall versinkt. Es ist ein permanenter Einsatz, der nur mit einem Team funktioniert, das keine Abstriche macht. Die Freiwilligen von USB hielten dieses Tempo von Anfang an mit – das hat einen echten Unterschied gemacht, wie sauber wir das Gelände halten konnten,” sagte ein Vertreter von Acting Responsibly AG.

Für USB, den Berner Verein, der sich seit Jahren für die Integration junger Ukrainerinnen und Ukrainer sowie anderer Migrantinnen und Migranten einsetzt, ist der Einsatz am Gampel eine Gelegenheit, diese Unterstützung mit etwas zu verbinden, das sich im Klassenzimmer nur schwer vermitteln lässt: einige Tage praktischer Arbeit in einem echten Schweizer Betrieb, Schulter an Schulter mit Schweizer Kolleginnen und Kollegen.

“Dieses Openair Gampel 2026 hat einmal mehr gezeigt: Egal, woher junge Menschen kommen oder vor welchen Herausforderungen sie gerade stehen – sie können durch gemeinsame Dinge wie Musik und den Wunsch nach einer besseren, saubereren Welt verbunden werden,” sagte Natalia, USB-Freiwillige sowie Vorstandsmitglied und Umweltaktivistin bei der Zero Waste Lutsk NGO.

Der Schweizer Festivalbetrieb ist zu einer Art Testfeld für Abfallsysteme geworden, die andere Länder erst zu entdecken beginnen. Pfandsysteme für Becher und Dosen, Mehrweggeschirr-Kreisläufe, die innerhalb desselben Anlasses gespült und wieder eingesetzt werden, farblich codierte Mehrfach-Sortierstationen mit geschultem Personal sowie strenge, bereits vor dem Anlass getroffene Vereinbarungen mit Anbietern zur Verpackung gehören heute an grösseren Schweizer Veranstaltungen zum Standard – nicht zur Kür. Das Ergebnis lässt sich messen: Gut geführte Anlässe leiten routinemässig den grössten Teil ihres Abfalls von Deponie oder Verbrennung weg, einfach weil die Sortierinfrastruktur und das dafür nötige Personal als Kernbestandteil der Veranstaltungslogistik behandelt werden und nicht als Nachgedanke. Es ist genau diese Kombination – physische Infrastruktur plus ein Team, das sie auch unter Druck zuverlässig betreibt –, die das Schweizer Modell übertragbar macht. Und genau dieses Know-how eignen sich USBs junge Freiwillige gerade am Gampel praktisch an.

Hinter den Festivaltoren nimmt noch eine zweite Idee Gestalt an. Mehrere der Teilnehmenden stammen aus Städten in der Ukraine, die selbst gerade eigene Abfallsortierungs- und Wiederverwendungssysteme aufbauen – darunter Luzk, wo USB ein separates Pilotprojekt für Pfandverpackungen für lokale Unternehmen und Anlässe entwickelt. Die Organisatorinnen und Organisatoren sehen die beiden Stränge zusammenlaufen: Das Know-how, das sich diese jungen Menschen bei Sortierstationen, Pfandsystemen und Besucherlenkung am Gampel aneignen, könnte eines Tages mit ihnen in die Heimat reisen und in die eigene Bewegung der Ukraine hin zu abfallfreien Festivals und Veranstaltungen einfliessen.

“Die jungen Menschen sammeln am Gampel nicht nur Abfall auf, sie eignen sich eine Haltung an: dass Abfall ein Gestaltungsproblem ist, keine Selbstverständlichkeit. Was sie auf diesem Festivalgelände im Wallis lernen, soll auch zu Hause wachsen – in ukrainischen Städten, die ihre öffentlichen Räume von Grund auf neu aufbauen,” sagte Olena Krylova, Präsidentin von USB.

Vorerst ist der Plan bescheidener: eine Handvoll junger Ukrainerinnen und Ukrainer in Warnwesten, die unter der Walliser Sonne Flaschen und Dosen sortieren – und eine Partnerschaft, mit der USB und Acting Responsibly AG diese Erfahrung in die Ukraine bringen möchten.

Teilen

Vorherige

Weiter

Nachrichten

Ein Festivalwochenende im Wallis – und eine Lektion in Zero Waste...

Text: Olena Krylova Erst vor Kurzem hat Alexii den Schutzstatus S erhalten. Diesen August verbringt er zwei Wochen an...

„Bis dahin darfst du praktisch nichts, und danach musst du plötzlich alles können“...

Text: Svitlana Prokopchuk Die 75-jährige Susanne Egloff lebt seit 24 Jahren in Kriens bei Luzern. Zehn Jahre davon verbrachte...

Ich verwandle Komplexität in Klarheit...

Über die Customer Journey, die Dreißig-Sekunden-Regel und das, was der Umzug in ein neues Land eine UX-Designerin gelehrt hat...

Leiste einen Beitrag / Unterstütze
unsere Aktivitäten