Text: Svitlana Prokopchuk
Der Krieg hat Millionen Ukrainer gezwungen, ihr Leben von Grund auf neu zu beginnen. Auf den ersten Blick scheint dieser Prozess im stabilen Umfeld der Schweiz einfacher zu sein. Doch die Forschung von Maria Palamarchuk zeigt etwas anderes: Selbst in einer sicheren Umgebung leben Menschen weiterhin in einem Zustand von Verlust, Unsicherheit und innerer Umstrukturierung. Maria stammt aus Kyjiw, lebt derzeit in Zürich und besucht das Freie Gymnasium Zürich. Ihre wissenschaftliche Arbeit „Psychological Resilience Among Displaced Ukrainians in Switzerland“ hat es ins Finale des nationalen Wettbewerbs Schweizer Jugend forscht geschafft.
Auf Grundlage einer Befragung von 183 Ukrainerinnen und Ukrainern stellte die Forscherin ein Paradox fest: Trotz eines hohen Maßes an traumatischen Erfahrungen zeigt die Mehrheit eine mittlere oder sogar hohe psychologische Resilienz. Doch diese Resilienz bedeutet nicht die Rückkehr zu einem „normalen Leben“, das es nicht mehr gibt. Vielmehr geht es um die Fähigkeit, in einer neuen Realität weiterzuleben, in der die Zukunft ungewiss ist und die Vergangenheit nicht wiederhergestellt werden kann.
Die Studie widerlegt auch die verbreitete Annahme, dass „jüngere Menschen stärker sind“: Das Alter hat kaum Einfluss auf die Fähigkeit zur Anpassung. Stattdessen werden andere Faktoren entscheidend – Denkweise, Zugang zu Unterstützung und Bildungsniveau. Sie bestimmen, ob eine Person nicht nur einen Schock überstehen, sondern ihr Leben neu aufbauen kann. Gleichzeitig bleibt die zentrale Herausforderung bestehen: Ukrainerinnen und Ukrainer lernen, sich zu erholen, haben jedoch noch nicht gelernt, vollständig voranzugehen. Denn unter den Bedingungen von Krieg und temporärem Status vermittelt selbst Stabilität kein Gefühl von Halt – sondern eher eine Pause zwischen Vergangenheit und einer unbekannten Zukunft.
— Maria, was war der Ausgangspunkt Ihrer Forschung?
Meine persönliche Geschichte. Ich selbst habe den Weg der erzwungenen Anpassung in der Schweiz durchlaufen und wollte verstehen, wie andere Ukrainerinnen und Ukrainer damit umgehen – unterschiedlichen Alters und mit unterschiedlichen Erfahrungen. Für mich geht es in dieser Forschung nicht nur um Zahlen, sondern um Menschen innerhalb eines großen Prozesses der erzwungenen Migration. Selbst in einem stabilen Land erweist sich dieser Prozess als schwierig: Die Menschen müssen sich dennoch erholen und neue Orientierungspunkte finden.
— Sie überdenken den Begriff der Resilienz. Was ist die zentrale Idee?
Traditionell wird Resilienz als die Fähigkeit verstanden, nach einer Krise „zurückzukehren“ – das sogenannte *bounce back*. Doch nach dem Krieg ist das unmöglich, weil das frühere Leben nicht mehr existiert. Deshalb verwende ich einen anderen Ansatz – *balance forward*: nicht die Wiederherstellung der Vergangenheit, sondern ein Voranschreiten durch Veränderung. Es geht nicht nur um Belastbarkeit, sondern um Transformation. Mehrere Faktoren spielen gleichzeitig eine wichtige Rolle: die gemachten Erfahrungen, die Fähigkeit zur täglichen Erholung, das Umfeld und die Denkweise. Und dasselbe Maß an Resilienz kann je nach durchlebter Erfahrung etwas völlig Unterschiedliches bedeuten.
— Beeinflusst das Alter die Fähigkeit zur Anpassung?
Meine Hypothese, dass Jüngere sich leichter anpassen, wurde nicht bestätigt. Das Alter bestimmt kaum das Niveau der Resilienz. Es beeinflusst jedoch die Art und Weise, wie Menschen mit Schwierigkeiten umgehen. Jüngere sind meist flexibler und glauben stärker an ihren Einfluss auf die Zukunft. Ältere stützen sich stärker auf ihre Lebenserfahrung und ihr Umfeld. Das zeigt sich auch in ihren Zukunftsplänen: Jüngere sehen ihre Zukunft häufiger im neuen Land, während Ältere eher an eine Rückkehr denken. Doch das ist keine Frage von Stärke oder Schwäche – es sind einfach unterschiedliche Lebensstrategien.
— Welche Faktoren beeinflussen heute am stärksten die Resilienz der Ukrainerinnen und Ukrainer?
In erster Linie das Umfeld. Das Gefühl von Akzeptanz oder im Gegenteil von Diskriminierung hat großen Einfluss auf den psychischen Zustand. Auch Bildung spielt eine wichtige Rolle: Ich habe eine klare positive Korrelation zwischen Bildungsniveau und Resilienz festgestellt. Gleichzeitig haben die meisten Menschen schwerwiegende traumatische Ereignisse erlebt: Verluste, eine Verschlechterung der Lebensqualität, ein Gefühl des Würdeverlusts. Die Zahlen sind schwer als optimistisch zu bezeichnen: Etwa 80 % haben traumatische Ereignisse erlebt, 33 % haben Angehörige verloren, 41 % haben Diskriminierung erfahren, 65 % berichten von einem Verlust an Würde, fast die Hälfte von einer Verschlechterung der Lebensqualität. Und diese Erfahrungen verschwinden nicht – sie können ein langfristiges Gefühl der Instabilität erzeugen, als ob das Leben weiterhin provisorisch bleibt.
Trotzdem gibt es in den Antworten der Menschen auch eine sehr starke Ressource – den Glauben. Den Glauben an das Ende des Krieges, an die Möglichkeit der Rückkehr oder daran, ein neues Leben aufzubauen. Und genau dieser Glaube wird oft zu dem, was hilft, weiterzugehen.