Wo Farbe zur Medizin wird: Das USB-Kunstatelier in Bern

In einem Raum in Bern greift eine Frau aus Brasilien zum Pinsel — neben ihr eine Frau aus der Türkei. Keine von beiden hat seit zwanzig Jahren gemalt. Am Ende des Nachmittags hat jede von ihnen eine Leinwand. Und oft weint eine von ihnen leise — nicht aus Trauer, sondern aus Erleichterung.

Genau das passiert regelmäßig und ohne großes Aufheben im USB-Kunstatelier. Rund 150 Menschen kommen durch seine Türen — aus der Ukraine, Brasilien, den USA, Moldau, der Türkei und vielen anderen Ländern — an Standorten in Bern und Burgdorf. Sie kommen mit unterschiedlichen Hintergründen, unterschiedlichen Sprachen und unterschiedlichen Gründen. Was sie finden, ist dasselbe: dass das Erschaffen von etwas mit den eigenen Händen, in einem Raum ohne Urteil, Dinge bewirkt, die schwer zu beschreiben und unmöglich zu imitieren sind.

Die therapeutische Wirkung war nicht von Anfang an geplant. Sie zeigte sich von selbst. Frauen kamen ohne Erfahrung oder nach jahrzehntelangen Pausen, standen vor einer leeren Leinwand — und spürten, dass sich etwas veränderte. „Weil in Sicherheit und unter Farben herauskommt, was wehtut.» Sicherheit, Farbe und das einfache Erschaffen verwandelten das Atelier in einen unerwarteten Raum für Trauer, Entwurzelung und die langsame Arbeit, sich selbst neu zu finden.

Bei Kindern ist die Wirkung in der Form anders, im Wesen jedoch dieselbe. In den Kinderkursen des Ateliers ist Malen keine Lektion in Technik — es ist eine Einladung, frei zu sein. Ein Kind, das noch seinen Platz in einem neuen Land, einer neuen Schule, einer neuen Sprache sucht, entdeckt in der Kunst eine Art, präsent zu sein, die all das nicht voraussetzt. Der Pinsel fragt nicht, woher man kommt. Die Leinwand interessiert sich nicht dafür, wie gut man Deutsch spricht. Was entsteht, ist Ausdruck — und damit etwas, das sehr nach Selbstvertrauen aussieht.

Das Atelier arbeitet heute in drei Bereichen: Kinderkurse, alternatives Akademismus für Erwachsene und eigentliche Kunsttherapie. Jeder Bereich dient einem anderen Bedürfnis, aber alle teilen dieselbe Grundlogik — dass kreative Ausdruckskraft das tun kann, was Worte manchmal nicht vermögen.

Die Gemeinschaft, die sich rund um das Atelier gebildet hat, lebt ihr eigenes Leben. Ehemalige Teilnehmerinnen haben Mitstreiterinnen gefunden und Fähigkeiten wiederentdeckt, die sie schon lange vor der Entwurzelung beiseitegelegt hatten. Das Atelier ist längst kein Kurs mehr — es ist ein lebendiges Netzwerk, das wächst, weil die Menschen darin wachsen.
USB Art arbeitet nach dem Grundsatz, dass Kunst im Integrationsprozess keine Luxuskategorie ist, sondern eine wesentliche. Für Menschen, die sich in einem neuen Land, einer neuen Sprache und einer erschütterten Identität zurechtfinden müssen, kann ein Atelier, das nichts verlangt außer dem Erscheinen und dem Erschaffen, buchstäblich der Boden unter den Füßen sein.

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