Mehr als ein Dach über dem Kopf

Von Olena Krylova

Ein sicheres Dach über dem Kopf ist der erste Schritt nach einer Flucht. Ein neues Leben beginnt damit jedoch noch lange nicht.
In der Berner Kollektivunterkunft Fiererfeld leben Menschen aus unterschiedlichen Ländern, Kulturen und Lebensgeschichten. Einige sind erst vor wenigen Wochen angekommen, andere warten bereits seit Monaten auf den Entscheid über ihren Aufenthaltsstatus. Was sie verbindet, ist die Erfahrung, in einer Zeit der Unsicherheit einen Alltag gestalten zu müssen.
Gerade dieses Warten gehört für viele zu den grössten Herausforderungen. Solange nicht klar ist, wie es weitergeht, fällt es schwer, Pläne zu schmieden, Deutsch zu lernen, eine Ausbildung zu beginnen oder sich beruflich neu zu orientieren. Gleichzeitig geht das Leben weiter – und jeder Tag, der ungenutzt verstreicht, ist ein verlorener Tag.
Aus diesem Gedanken heraus begleitet USB die Bewohnerinnen und Bewohner von Fiererfeld mit Angeboten zur psychosozialen Unterstützung und sozialen Orientierung. Ermöglicht wird das Projekt durch die Ukraine Hilfe Bern Stiftung.
„Ein geschützter Aufenthaltsstatus und finanzielle Unterstützung sind wichtig“, sagt Svitlana Manzer, Psychotherapeutin und Leiterin der Integrationsprojekte bei USB. „Aber ebenso wichtig ist es, dass Menschen das Gefühl entwickeln, ihren Alltag selbst gestalten zu können. Integration beginnt nicht erst, wenn alle Fragen geklärt sind. Sie beginnt dort, wo Menschen wieder Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten gewinnen.“
Die Bedürfnisse der Bewohnerinnen und Bewohner sind unterschiedlich. Manche sind gerade erst in der Schweiz angekommen und stehen vor einem für sie völlig neuen System. Sie suchen Antworten auf ganz praktische Fragen: Wie funktioniert das Gesundheitswesen? Welche Schule besucht mein Kind? Wer ist für welche Anliegen zuständig? Andere leben bereits länger in der Unterkunft und kämpfen vor allem mit der Belastung eines Lebens auf Zeit.
Neben individueller Beratung entstehen deshalb auch Räume für Begegnung. Kreative Workshops, gemeinsame Gespräche und niedrigschwellige Informationsangebote helfen dabei, Isolation zu überwinden und Kontakte zu knüpfen. Aktuell stehen unter anderem Kurse zur traditionellen Petrykiwka-Malerei auf dem Programm. Sie verbinden kreatives Arbeiten mit Austausch und bieten einen geschützten Raum, in dem Menschen zur Ruhe kommen und neue Kraft schöpfen können.
Ergänzt werden diese Angebote durch Informationsmaterialien in verständlicher Sprache sowie psychotherapeutische Beratung für Menschen, die belastende oder traumatische Erfahrungen verarbeitet müssen. Die Begegnungen werden zusätzlich durch die Römisch-katholische Gesamtkirchgemeinde Bern und Umgebung unterstützt.
Wer Integration allein als Verwaltungsverfahren versteht, greift zu kurz. Sie entsteht im Alltag – wenn Menschen Orientierung finden, Beziehungen aufbauen und das Gefühl zurückgewinnen, ihr Leben selbst gestalten zu können.
Denn ein Zuhause besteht nicht nur aus vier Wänden. Es entsteht dort, wo Hoffnung wieder Teil des Alltags wird.

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