Von Svitlana Manzer
Wenn von Integration die Rede ist, denken viele zuerst an Kinder in der Schule oder junge Erwachsene auf dem Weg in den Beruf. Dabei wird oft übersehen, dass auch ältere Menschen nach einer Flucht vor der Herausforderung stehen, sich in einem neuen Land ein Leben aufzubauen – und dass gerade Gemeinschaft dabei eine entscheidende Rolle spielt.
In Burgdorf zeigt der Club „Integration der Weisen“, dass Zugehörigkeit keine Frage des Alters ist.
Vor etwas mehr als einem Jahr entstand die Initiative als Treffpunkt für ukrainische Frauen, die vor dem Krieg in die Schweiz geflüchtet waren. Heute ist daraus eine lebendige Gemeinschaft geworden. Mehr als fünfzig Frauen nehmen regelmässig an den Aktivitäten teil – nicht nur aus der Ukraine, sondern auch aus dem Irak, der Türkei und der Schweiz.

Was als Begegnung unter Landsfrauen begann, ist zu einem Ort des interkulturellen Austauschs geworden.
Die Idee entstand, als Svitlana Prokopchuk, Leiterin der USB-Zweigstelle Burgdorf, beobachtete, dass viele ukrainische Frauen nach dem Deutschunterricht einfach noch zusammenbleiben wollten. Aus diesen Gesprächen entwickelte sich der Gedanke, auch Frauen anderer Herkunft einzuladen. Denn Integration gelingt am besten dort, wo Menschen einander begegnen – nicht aufgrund ihrer Herkunft, sondern aufgrund gemeinsamer Interessen.
Heute wird im Club gemalt, gelesen, gestrickt, gesungen und gemeinsam Sport getrieben.
Die Teilnehmerinnen haben die traditionelle ukrainische Petrykiwka-Malerei kennengelernt, Kochabende organisiert und Lieblingsrezepte ausgetauscht. Bei Literaturtreffen sprechen sie über Bücher, die sie geprägt haben, entdecken neue Autorinnen und Autoren und kommen über ihre eigenen Lebensgeschichten ins Gespräch.
Auch das Stricken verbindet. Gemeinsam fertigten die Frauen Dutzende Paar warme Socken an, die an die Verteidigerinnen und Verteidiger der Ukraine geschickt wurden. Wer noch nie gestrickt hatte, lernte von den anderen – ganz selbstverständlich, Masche für Masche.
Eine besondere Rolle spielt die Musik. Gemeinsam wurden unzählige Konzerte gestaltet, ukrainische Volkslieder gesungen und neue Kontakte geknüpft. Einige Frauen fanden später sogar den Weg in Schweizer Chöre und stehen heute auch mit deutschsprachigen Liedern auf der Bühne.
Ebenso selbstverständlich gehört Bewegung zum Alltag der Gruppe. Die wöchentlichen Sportstunden fördern nicht nur die Gesundheit, sondern geben Struktur, stärken das Wohlbefinden und schaffen Raum für Begegnungen.

Der Club öffnet sich aber nicht nur nach innen, sondern auch nach aussen. So beteiligten sich seine Mitglieder an der International Night in Burgdorf, einer interkulturellen Veranstaltung der BewegungPlus-Kirche. Gemeinsam mit Menschen aus verschiedenen Ländern lernten sie dort die Kultur und Traditionen Afghanistans kennen und gestalteten den Abend aktiv mit.
Vielleicht ist genau das gelebte Integration.
Nicht die eigene Kultur aufzugeben, sondern sie mit anderen zu teilen – und gleichzeitig neugierig auf die Geschichten, Traditionen und Erfahrungen der Menschen um einen herum zu bleiben.
Manchmal beginnt Zugehörigkeit mit einem gemeinsamen Lied. Manchmal mit einem Buch oder einer Tasse Tee. Und manchmal entsteht daraus eine Gemeinschaft, in der sich Menschen – unabhängig von Alter oder Herkunft – wieder zu Hause fühlen.