Eine moldauische Staatsdelegation besuchte die USB in Bern, um sich darüber auszutauschen, was vertriebenen Ukrainerinnen und Ukrainern tatsächlich dabei hilft, sich ein neues Leben aufzubauen – ein Austausch mit Unterstützung von UNHCR und dem Staatssekretariat für Migration (SEM).
Text: Olena Krylova
Diese Woche empfing die USB in Bern eine staatliche Delegation aus Moldau zu einem fachlichen Austausch über eine Frage, die beide Länder täglich beschäftigt – wenn auch unter sehr unterschiedlichen Rahmenbedingungen und mit unterschiedlichen Ressourcen: Welche Voraussetzungen ermöglichen es vertriebenen Ukrainerinnen und Ukrainern tatsächlich, den Weg von der Ankunft in die Selbstständigkeit zu gehen? Der Besuch wurde vom UNHCR und dem Staatssekretariat für Migration (SEM) unterstützt, die den Austausch sowie die Vernetzung begleiteten.
Moldau nimmt gemessen an seiner Bevölkerungszahl mehr Geflüchtete auf als nahezu jedes andere Land Europas – und das mit einem Bruchteil der administrativen und finanziellen Kapazitäten der Schweiz. Gerade deshalb konzentrierte sich das Gespräch nicht auf Budgets, sondern auf grundlegende Voraussetzungen: auf jene strukturellen Entscheidungen, die darüber bestimmen, ob aus Schutz echte Teilhabe wird. Auf Grundlage von vier Jahren Schweizer Praxis stellte die USB fünf zentrale Voraussetzungen vor.
Fünf Voraussetzungen
1. Rechtssicherheit vom ersten Tag an.
Mit dem Schutzstatus S gewährte die Schweiz Vertriebenen nicht nur ein sofortiges Aufenthaltsrecht, sondern auch unmittelbaren Zugang zum Arbeitsmarkt. Ist der rechtliche Status frühzeitig klar, können Menschen planen. Bleibt er vorläufig oder wird immer wieder infrage gestellt, warten sie ab. Politische Klarheit ist die wohl kosteneffizienteste Massnahme überhaupt.
2. Arbeitsmarktzugang allein genügt nicht – Anerkennungsverfahren bilden die Brücke.
Eine Arbeitsbewilligung übersetzt weder ein ukrainisches Diplom noch Berufserfahrung oder ein Portfolio. Verlässliche Verfahren zur Anerkennung von Qualifikationen und praxisnahe Möglichkeiten zur Nachqualifizierung entscheiden darüber, ob eine Ingenieurin auch als Ingenieurin arbeiten kann – oder dauerhaft unter ihrem Qualifikationsniveau beschäftigt bleibt. Die Folgen tragen sowohl die Betroffenen als auch die Volkswirtschaft des Aufnahmelandes.
3. Sprachförderung mit klarem beruflichem Ziel.
Sprachkurse sind dann besonders wirksam, wenn sie auf einen konkreten nächsten Schritt ausgerichtet sind – etwa auf einen Beruf, eine Zertifizierung oder eine Berufslehre – und nicht als Selbstzweck vermittelt werden.
4. Gemeinschaften als aktive Gestalter statt als Zielgruppen.
Die nachhaltigsten Ergebnisse hat die USB dort beobachtet, wo Vertriebene eigene Strukturen aufbauen und selbst tragen – etwa Medienprojekte, berufliche Netzwerke oder Informationsplattformen für den Arbeitsmarkt. Die Aufgabe des Staates besteht darin, Türen zu öffnen und eine verlässliche Finanzierung sicherzustellen; den Weg gehen die Menschen selbst.
5. Klare Verantwortung auf kommunaler Ebene.
Das föderale System der Schweiz verteilt sowohl die Aufgaben als auch die Verantwortung auf Kantone und Gemeinden. Für Moldau, das seine kommunalen Strukturen derzeit weiterentwickelt, ist weniger das föderale Modell selbst entscheidend als das zugrunde liegende Prinzip: Die staatliche Ebene, die dem Alltag der Menschen am nächsten ist, braucht einen klar definierten Auftrag und die notwendigen Mittel, um ihn erfüllen zu können.
Warum dieser Austausch gerade jetzt wichtig ist
Beide Länder setzen sich für das ein, was sowohl die Delegation als auch die Gastgeber als eine kluge Migrationspolitikbezeichneten: eine Politik, die auf Erkenntnissen darüber aufbaut, was Menschen befähigt, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen – und nicht auf Annahmen darüber, was ihnen fehlt. Genau bei solchen Austauschen – von Praktikerinnen und Praktikern zu Praktikerinnen und Praktikern, von staatlichen Stellen zur Zivilgesellschaft – werden diese Erfahrungen weitergegeben.
„Moldau und die Schweiz beantworten dieselbe Frage mit sehr unterschiedlichen Mitteln“, sagt ein Mitglied der moldauischen Delegation. „Doch die Voraussetzungen sind überall dieselben: rechtliche Klarheit, Anerkennung von Qualifikationen, Sprachförderung mit einem konkreten Ziel, handlungsfähige Gemeinschaften – und Gemeinden, die ihre Verantwortung kennen. Alles andere ist eine Frage der Umsetzung.“