Wegen neuer Umweltvorschriften aus dem Schweizer Linienverkehr ausgemustert, befördern die Busse heute Rentnerinnen, vertriebene Familien und Schulkinder in einer Stadt, die durch den Krieg ein Drittel ihres Trolleybusnetzes verloren hat — das Pilotprojekt eines kommunalen Partnerschaftsmodells
Text: Olena Krylova
Im September 2024 füllten sich die Strassen von Tschernihiw wieder mit Verkehr. Elf Busse, die bis vor Kurzem Pendlerinnen und Pendler in St. Gallen beförderten, bedienen heute die wichtigsten Linien einer ukrainischen Stadt mit 280’000 Einwohnerinnen und Einwohnern — einer Stadt, die als eine der ersten vom Krieg getroffen wurde, einen grossen Teil ihrer öffentlichen Infrastruktur verlor, darunter 30% des Trolleybusnetzes, und deren verbliebene Busse in den ersten Kriegswochen teilweise für die Armee mobilisiert wurden. Was übrig blieb, reichte nicht für die Bevölkerung — geschweige denn für die vielen Binnenvertriebenen, die die Stadt aufgenommen hat.
«Diese Busse sind nicht einfach Fahrzeuge — sie sind ein Schritt zurück zu Würde und einem normalen Leben», sagte ein Fahrgast.
Von einem Besuch zur Schulreform zum Transport-Pilotprojekt
Die Idee begann gar nicht mit Bussen. Sie entstand im Mai 2023, während des Besuchs einer ukrainischen Parlamentsdelegation in der Schweiz zum Thema Reform der Mittelschulbildung, organisiert vom Projekt DECIDE (umgesetzt von der NGO DOCCU in der Ukraine und der Pädagogischen Hochschule Zürich). Die ersten Gespräche drehten sich um Schulbusse; aus der daraus entstandenen Zusammenarbeit entwickelte sich das Projekt im Bereich des öffentlichen Verkehrs.
Die Umsetzung kam über Grenzen und Ebenen hinweg zustande. Die Stadt St. Gallen schenkte elf Fahrzeuge, die sie ausmusterte — die neue Schweizer Umweltgesetzgebung schliesst Dieselbusse im öffentlichen Verkehr aus, während in der Ukraine, wo die Stromversorgung permanent unter Druck steht, gerade der Diesel eine Flotte am Laufen hält. Unabhängige Expertinnen und Experten bestätigten, dass die Fahrzeuge trotz ihrer Laufleistung in ausgezeichnetem Zustand sind. Der Studierendenverein St. Gallen Helps Ukraine trieb die Kampagne vor Ort voran; USB koordinierte das Projekt; das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) finanzierte Expertise, Reparaturen und Transportlogistik; die Verkehrsbetriebe St. Gallen gaben sämtliche verfügbaren Ersatzteile mit, und ein spezielles Ersatzteilfahrzeug begleitete den Konvoi. Die Schweizer Botschaft unterstützte die Initiative.
Verantwortung in Tschernihiw — und wie es weitergeht
Alle elf Busse wurden dem Stadtrat von Tschernihiw übergeben, der nun jene Verantwortung trägt, die nach dem Durchschneiden des Bandes zählt: Betrieb, Unterhalt und kostenlose Beförderung sozial verletzlicher Fahrgäste — ältere Menschen, Vertriebene, Familien mit Kindern, Menschen mit Behinderungen. Die Stadt prüft zudem spezielle Schullinien, um abgelegene Quartiere mit den Schulen zu verbinden — und schliesst damit den Kreis zur ursprünglichen Idee des Projekts.
Der Transfer war von Anfang an als Pilotprojekt angelegt: ein wiederholbarer Mechanismus, um betriebsfähige ausgemusterte Fahrzeuge von Schweizer Gemeinden an ukrainische zu übergeben — von Stadt zu Stadt, ohne auf grosse nationale Programme zu warten. Andere Schweizer Städte, die ihre eigenen Flotten erneuern, prüfen das Modell bereits.
«Was St. Gallen und Tschernihiw gezeigt haben, ist ein Mechanismus, keine Geste», sagt ein Vertreter des städtischen Verkehrsbetriebs von Tschernihiw. «Eine Schweizer Stadt mustert einen Bus aus; eine ukrainische Stadt gibt ihm ein zweites Arbeitsleben. Jede Fahrt auf jeder Linie ist der Beweis, dass Partnerschaft zwischen Gemeinden funktioniert — gerade jetzt.»
Video: https://www.youtube.com/watch?v=cZkIp3oGQg4 (YouTube-Kanal der EBA)